Mein Ausflug in Ildikós Welt

„Na, Alte?! Du hast heute auch noch kein Utensilo genäht, hä?“ möchte ich mir selbst kritisch aber liebevoll fragend zurufen, wie ich mir so im alltäglichen Schuhanzieh-Jacken-Prä-Kindergartenmodus mal kurz selbst über den Weg laufe. Ich habe lange gezögert, ob ich mal einen Blog über Mutter-Zeug schreiben sollte. Fühlt sich erstmal ziemlich Ildikó von Kürthy-esk an. Eigentlich beinhaltet mein ideales Selbstbild, dass man das alles erstens auf einer Arschbacke macht und zweitens nicht darüber spricht. Keine Ahnung, wie so ein Stuß in mein ideales Selbstbild hineinmäandern konnte. Ist ja auch wurscht, ich hab’s ja noch rechtzeitig gemerkt.

Also: hast du eine Mutter hast du immer Butter – BIST du eine Mutter, hast du in der Regel zumindest einen Knall. Und ich kann’s beweisen. Ich lasse dabei diese hormonbedingten Automatismen aus, die einen anfänglich wundern (die Herren der Schöpfung auch gern mal schocken). Das kann Ildikó klasse erklären, glaub ich. Ich gucke aber für heute mal bei der idealen Selbstwahrnehmung – mir schwant nämlich, dass da nicht nur ein bisschen was im Argen liegt. Hier und da. Bei mir zB.

Also mal ganz hemmungslos von der Leber, frisch von der Profilneurose kommend, liefe das optimalerweise so bei Muttern:

– Mutter ist entspannt. Niemals schrill oder hysterisch. Sie sitzt HÖCHSTENS mal besorgt am Küchentisch (Lönneberga-Style) und flüstert im Mezzosopran „Was soll ich nur mit meinem Kurtjamin machen?“ weil der irgendwie ständig heimlich HubbaBubba kaut oder so. Aber schrill ist nicht! Hysterisch auch nicht! Und Alkohol wäre gefuddelt, das muss also als Hilfsmittel ausfallen.

– Mutter ist vernetzt. Geburtsvor-, -zwischen- und -nachbereitung, Krabbelbums, Spieldings, man kennt das ja. Was die Kinder machen, ist latte – solange der Macchiato fließt, ist alles im Fluss. Mütter mögen sich automatisch und grundsätzlich gegenseitig. Und wenn sie es doch nicht tun, tun sie eben einfach so. Und das macht ihnen dann Spaß und man hat sowohl was zu erzählen, als auch bestenfalls leicht Einen sitzen, wenn Papa nach Hause kommt. 

– Mutter kann alles und zwar gut. Arbeiten und gleichzeitig Kinder großZIEHEN. Nein, in anständigen Haushalten werden Kinder nicht einfach von alleine groß. Die werden groß GEZOGEN! Das geht so: man steht nach der Vormittagsschicht Punkt halb eins in so ner ganz lässigen Boyfriend-Jeans barfuß und mit High Knot Bun (man liest nachts heimlich die Vogue um zu wissen, was das ist!) am Herd und rührt in der Soja-Schlotze („Was SOLL nur aus meiner Jette werden – sie isst mir ja NUR noch Gesundes, hihi?!“ / Lönneberga-Style!). Dann kommen die Kinder (gesund – Regelschule – alles selbst gezogen, türlich!) und erzählen voll gerne und freiwillig ihr erfolgreiches, ganzes Leben und wenn das so läuft, darf man nachher im Macchiato-Treff erzählen, dass man die Kinder mal wieder hart großgezogen hat. (Dass nach der Vormittagsschicht und der Großzieh-Schicht übrigens dann noch die Stelle kommt, an der man allabendlich und gerne in Strapsen Steaks brät, wenn der Mann nach Hause kommt, erkläre ich bald im Ehe-Blog. Auf den ich aktuell noch hinreife…)

– Mutter weiß, was Masse ist. Aber ja doch. 

Ok, es war ja von Vornherein klar, dass alles Bullshit sein würde. Läuft alles in echt anders, da müssen wir uns ja nun auch langsam nichts mehr vor machen, da dürfen wir ja schon auch in die Ehrlichkeit kommen. Ildikó sei Dank.
Aber bei aller Offenheit (Ja, irgendwer MUSS es doch sein, der bei Ernstings die Eisköniginnen-Shirts kauft! Und die Teddybärenwurst aus Fett und Glutamat frisst sich nun ma nicht selber auf! Ich trage an allem eine Mitschuld und bin mutig oder müde genug, zu bekennen!) – mal angenommen also, wir wären unperfekt und im Stande, es zuzugeben: die Frage die sich mir stellt ist, ob wir uns selbst leiden können. 

Ich glaube, was alle Mütter der Welt gemeinsam haben, ist das schlechte Gewissen. Zu kurz gestillt, zu viel gearbeitet, zu wenig auf sich selbst geachtet – irgendwo verkacken wir es schon. Zumindest, wenn wir selbst unsere Richterinnen sind. Ich glaube, was alle Kinder der Welt gemeinsam haben, ist die Liebe zu ihrer Mutter. Zumindest, so lange sie noch die unfair produzierten Eisköniginnen-Shirts von Ernstings tragen. Schade, wenn ich mich selbst mal wieder zu fertig gemacht habe, um diese Liebe annehmen, um sie aushalten zu können. Schwer genug, meine Feindin zu lieben – dreifach schwer, wenn ich sie mir selbst bin.

Aber wie schön, wenn ich Verständnis in anderer Mütter Augen sehe, wenn mir beim „Ich wollt, ich wär‘ ne MILF“-Make-up-Einkauf bei DM am Schaukelpferd mal wieder der Ton verrutscht. Und wie schön, wenn ich Verständnis für mein Versagen empfange und es selbst weitergeben kann. Und wie schön, dass Kinder TROTZ unseres Ziehens und Krampfens und dummen Gelabers groß werden und Bands gründen, Freundschaften schließen, zu Parties eingeladen werden und irgendwie ihr Ding machen.

Meine Mutter hat mal zu mir gesagt: „Wichtig ist, dass die Kinder ihren Eltern eines Tages vergeben.“ Ich gehe mit und erhöhe um „…die Eltern sich selbst auch.“

Soweit mein Ausflug in Ildikós Welt. Sandmann ist durch, also Maul jetzt.

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Ein Gedanke zu “Mein Ausflug in Ildikós Welt

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