Huhn / Gülle / Näfäsch / Jever

„The chicks are getting armed!“ schrieb mal eine meiner Glaubensschwestern in dieses verrückte Internet, als sie gerade frisch auf Krawall gebürstet von einer charismatischen Frauenkonferenz nach Hause kam. Sie müsste sich wahrscheinlich gar nicht bewaffnen, wenn sie in ihrer eigenen Wahrnehmung kein Huhn wäre. Aber sie hatte mich weder um Rat noch Hilfe gebeten, sondern wirkte erstmal ganz froh in ihrer pastellfarbenen Aggression. Deshalb dachte ich sowas wie: weiter machen. Aber nicht hauen bitte. Lieber von innen und außen schön mit Salz und Paprika edelsüß einreiben oder so.

Sprache kann viel. Merke ich immer wieder. Sie kann aus Feinden Freunde machen, Ehebündnisse besiegeln, sie kann Liebe ausrufen und lauter tolle Sachen. Sprache kann kränken und verletzen, sie kann auch hervorragend ausgrenzen oder abwerten. Sie kann auch lustig sein. Sprache kann aus Frauen Hühner machen. Zumindest in meinem Kopf. Ja, Sprache kann viel. Sprache kann auch unglaublich langweilen. Da, wo sie vorhersehbar wird zum Beispiel. Da, wo man bereits bei Predigtpunkt 2 weiß, dass ungefähr bei Punkt 3b) das unnütze Wissen über Israel ausgepackt wird. Da, wo man schon weiß, dass in der Zeitschrift kein einziges weises Wort zu lesen sein wird, obwohl man sie noch nicht durch hat. Sprache kann langweilen, wenn der Inhalt, den sie transportieren muss, langweilt. Nein, eigentlich ist es nicht die Sprache, die selbst irgendwas tut – aber sie ist das Transportunternehmen dessen, was den Sprechenden so im Hirn herumspukt. Und in diesem Amt ist sie eben auch immer mal wieder das Transportunternehmen der Gülle.
Es ist wohl wirklich so: wo Gülle drin ist, kommt selbige raus. Manchmal wird diese durch guten Satzbau, Fremdwörter, Hashtags oder sonstige Ablenkungsmanöver dekoriert. Aber sie bleibt sich doch selbst immer konsequent treu. Sie lässt sich niemals beugen oder brechen, die Gülle. Gilt für die Liebe aber guterweise auch, das mit der Unbeugbarkeit. Ich war eine zeitlang nicht sicher – aber mittlerweile weiß ich, dass ein liebevolles Wort selbst im derbsten Lahn-Dill-Kreis-Platt im Kern liebevoll bleibt. Heißt für mich: ob ich nun bescheuerte Neuworte erfinde (wie z.B. „Neuworte“) oder Alliterationen fahre, bis das wildest-wollendste Wohlmeinungs-Wir-Gefühl würgen will (weil es die #gülle gerochen hat!) oder ob ich ganz andersrum laut und aggro auf Platt beschreie, dass ja nun auch nicht ALLES nur Schwachsinn ist – erst beim Inhalt des Gesprochenen trennt sich Spreu von Weizen. Huhn von Knarre. Richard von Weizsäcker.

Die Sprache wird dann wahr, wenn wir den Inhalt, den sie zu transportieren hat, als innere Haltung ausstrahlen. Das gesprochene Wort passt sich einer eventuell schwächer gelebten Performance zu unseren Ungunsten an. Und jetzt? Was mache ich mit diesen Überlegungen? Sollte dies meine leichte Angst vor der öffentlichen Rede verstärken? Wie gehe ich aus diesem Denkprozess hervor? Eigentlich erstmal entspannt, immerhin ist ja Wochenende. Ich hatte kurz, um Zeichen zu schinden, drüber nachgedacht, ob ich den alten „…Seele und Kehle sind ja im Hebräischen gannnnnz eng miteinander…“-Trick auspacke, aber Hey, es ist spät – wir wollen doch alle an unser Feierabendbier. Aber auch bei Bierdurst hilft Denken halt nach wie vor und deshalb komme ich zu folgender Idee: wenn man mich also an meinen Früchten erkennen soll, dann werde ich mein Inneres ab sofort stärker prüfen, als meine Wortwahl. Hier ist nämlich Eins stärker als das Andere. Die Sprache ist das Make-up – meine Haltung das Gesicht. Und wenn das hässlich ist, kann Schminke nicht viel machen. Aber wenn andersrum meine Haltung wohlwollend, großzügig und mild ist, kann eine manchmal große Fresse wenigstens nur in begrenztem Maß Schäden anrichten. 

Ich werde jetzt bei einem Jever in meinem eigenen Inneren über aufkeimenden Zynismus nachdenken. Und bis ich damit fertig bin, werde ich mal zur Sicherheit still sein.

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2 Gedanken zu “Huhn / Gülle / Näfäsch / Jever

  1. Gülle und Näfäsch in einem Atemzug… danke für dieses Kopfkino – NOT 😀 Ich bin bei dieser Überschrift fast vom Stuhl gefallen vor Lachen und konnte mich gar nicht mehr auf den Inhalt konzentrieren. Aber im Zweifel: Gut geschrieben!

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