KLÖPPERS GROßE LEBENSBEICHTE! EINE ERFOLGREICHE FRAU VON WELT PACKT ENDLICH AUS!

„Nee, alles cool soweit danke. Die Kinder bringen halt immer mal die Pest mit nach Hause aber hey…“ – „Ja, es ist halt auch echt immer unter den Leuten in der Jahreszeit.“ – „Nja!“ (einatmend ausgesprochen)…

In Smalltalk macht mir so schnell auch keiner was vor! Ich weiß bei so ziemlich jedem Gespräch, wie man ein potentiell interessantes Thema schnellstmöglich so abflachen kann, dass das Ende des Gesprächs innerhalb der nächsten zwei Minuten absehbar ist. Ich weiß auch, wann man ein „Ja“ ausatmend (also normal) ausspricht und wann das deutlich empathischer wirkende, einatmend gesprochene „Nja!“ dran ist. Und echt jetzt: ich LIEBE Smalltalk! Ich liebe es, im Treppenhaus Nettigkeiten mit den Kollegen auszutauschen, ich liebe auch seicht-angenehme Gespräche bei Tisch. Ich stehe zu gerne mit nem Prosecco an einem Stehtisch und lobe die Schönheit des Blumenschmucks. Ich kichere gern mit der Verkäuferin im Supermarkt über Unwichtigkeiten – Hauptsache man hat mal gekichert. Ja, ich erkläre hiermit meine Liebe zum Smalltalk!

Und Nein: jetzt kommt nicht die Stelle á la „Heyyy, lasst uns nicht das eigene Herz hinter Oberflächlichem verstecken und immer auch ausreichend Platz für Tiefgrund lassen.“ – WÜRDE ICH GERN schreiben! Aber diese Stelle kommt jetzt genau DOCH, also denkt euch das von grade alles bitte wieder weg. Wer das nicht schafft, muss sofort zum Psychologen – ICH bin nämlich wie immer komplett klar in der Birne! Sicherlich!

Ja, ich liebe auch ernsthafte Gespräche. Die mit Schweigen zwischendrin. Am besten führen die sich meiner Meinung nach übrigens im Gehen. Gespräche sind gut, ob nun ernsthaft gehend oder Deko-belobigend stehend.

Gibt’s auch Gespräche, die ich blöd finde? Wäre ja komisch, wenn nicht. Klar – Diagnosen, Kündigungen, Hiobsbotschaften, etc. braucht kein Mensch! Aber gibt es auch Kommunikationsarten, die ich für mich ablehnen wollen würde? Ja, die gibt´s tatsächlich.

Ich mag Vergleichsgespräche nicht. Kennt doch jeder. Die, wo abgecheckt wird, ob´s nun bei mir oder bei meinem Gegenüber besser läuft. Ich kann zwar mit Lügen-ohne-rot-zu-werden manche dieser Gespräche tatsächlich „für mich entscheiden“ – aber nachher ist es mir eigentlich immer eklig zumute. Irgendwie war das im Nachhinein meist verschwendeter Atem. Und irgendwie fühle ich mich nachher immer unwohler, je vehementer ich mein eigenes Wohlergehen proklamiert habe. Manchmal kotzt man sich selber an. Und so gut wie immer ist es dann, wenn man gerade ein Vergleichsgespräch gewonnen hat.

Ich habe zwar keinen theologischen Mentor aber wenn ich einen hätte, wäre es Jürgen Mette. In seinem Buch „Alles außer Mikado“ berichtet er, dass er kurz nach seiner Parkinson-Diagnose als Antwort auf „Bei dir so?“-Fragen gern mal „Danke, schlecht.“ als Antwort gegeben hat. Das finde ich nach wie vor höchst inspirierend und ich habe Jürgen bereits vorgeschlagen, Baseball-Kappen mit diesem aufgestickten Spruch als Merch-Artikel in´s Programm zu nehmen. Damit ich die dann kaufen und aufziehen kann.

Nee, mir geht’s gerade gar nicht schlecht – ich kämpfe aber mit mir selbst um die Freiheit, es zugeben zu können, wenn´s mal wieder so kommt. Und nee, es mangelt mir (Gott sei Lob und Dank dafür!) momentan auch nicht an Leuten, mit denen ich mal in echt, mal telefonisch meine „schweren Gänge“ machen kann. Aber – nochmal nee! – ich habe eigentlich echt keinen Bock mehr auf dieses Posing in den Vergleichsgesprächen dieser Welt! Und ich glaube, selbst die Gegenüber, die wir in diesen Haus-Job-Kinder-Auftragslage-Hosengröße-Talks immer wieder antreffen, haben eigentlich AUCH gar keine große Lust auf diese Art von Unterhaltung.

Ich werde heute sicher nicht damit beginnen, jedem Hans und Schwanz mein Innerstes auszuschütten, wenn ich „Bei dir so?“ gefragt werde. Aber ich werde definitiv damit aufhören, mit um eine hysterische Terz erhöhter Stimme auf diese Frage hin alle Geilheiten aufzulisten, die das Leben und meine Fantasie gerade hergeben. Realistische Antworten könnten ab sofort etwa sein „Ich freue mich, dich zu sehen.“ oder „Ich bin momentan nervös vor demunddem Termin, der bald ansteht.“ oder „Ich bin gerade ein bisschen angestrengt.“ oder halt ein „Nja.“ und ein irres Lachen.

Der Gegenüber, der in solchen Situationen keine Beißhemmung bekommt, der immer noch posen will, nachdem ich mich schwach gezeigt habe, dem kann und muss ich nicht helfen. Wer in übertriebenem Ton „Eeeecht?!? Wieso DAS denn?“ sagen möchte, wenn ich mich als nervös, erfolglos oder müde geoutet habe, der muss das machen.

Ich glaube, dass es mir nicht zum Schaden werden wird, wenn ich weniger pose. Und ich glaube, dass mir kein Gesprächspartner böse sein wird, wenn ich uns beide von dieser lästigen Kunstform entbinde.

Der erste Schritt zum Nicht-Posing war es, zuzugeben, dass ich es manchmal tue. Hat gar nicht wirklich wehgetan jetzt.

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