Psychohygienische Internetgärtnerei

Der Psychologe und Verhaltenstherapeut Jens Corssen stellt sich jeden Morgen eine Minute lang auf einen Stuhl und denkt dabei Dinge wie „Heute sammle ich Wahrheiten“ oder „Ich bin für das Leben“. Ich finde das herrlich, schräg und großartig!

Um selbst mit solchen witzigen Übungen in den Tag zu starten, fehlt mir momentan die Zeit. Schulbrote schmieren, Kaffee kochen, Matschhose finden, verknotetes Mädchenhaar entwirren – das geht auf einem Stuhl stehend alles nur halb so gut. Deshalb schreibe ich diese Aktion auf die Liste der Dinge, die ich mal antesten werde, wenn ich mich in etwa fünfzehn Jahren irgendwie vom Empty-Nest-Syndrom ablenken muss. Das kommt also irgendwann. Zur Not halt mittelfristig.

Wie ich auf solche komischen Gedanken komme? Ich hatte neulich einen Fehler gemacht. (Notiz an mich selbst: es ist einfach schlau, den eigenen Blog mit der Selbstaussage zu überschreiben, dass man sowieso nie auslernt – da ist dann auch das Widerrufen keine große Nummer.)

Der Fehler passierte mir, als ich mich bei Facebook öffentlich darüber ärgerte, dass eine christliche Zeitschrift, deren Name sich auf IKEA reimt, eine Kritik zum jüngst gelaufenen Tatort veröffentlicht hatte. Ich fand den Text zum Einen inhaltlich nicht gut und sah mich zum Anderen in meiner Wahrnehmung bestätigt, dass in eben jener Zeitschrift alles am Schluss in der Aussage gipfeln muss, dass „Gender Mainstream“ der Feind und die Welt schlimm ist. Es gab in der jüngsten Zeit und in meiner Wahrnehmung schon zwei-drei vorangegangene Aufreger – es musste also einfach mal raus! Dass mir dieses immerwährende Geunke über Alles und Jeden auf den Geist geht und überhaupt! (Nächste Notiz an mich selbst: „Immer!“ und „Alles!“–Sätze sind bei mir meistens der Beginn eines späteren Widerrufs… Könnte ich mir ja vielleicht auch irgendwann mal merken.)

Die Pferdchen gingen also nach Lehrbuch mit mir durch und zum ersten Mal im Leben teilte ich auf meinem Profil ein Statement der Zeitschrift – was vermutlich schon der erste Fehler war. …jawoll, mal so richtig abgezetert!! Was in der Grundschule noch mit ner ordentlichen Klopperei geregelt wurde, lebt man ja heute gerne mal online aus. Weil man sich dann irgendwie weniger aggressiv und viel erwachsener vorkommt als beim Festhalten, Draufhauen oder Schmiere stehen. Der nächste Trugschluss in der Liste. Als ich dann per PN in entwaffnend freundlichem Ton von einer Leserin eine andere Wahrnehmung eben jener Berichterstattung geschildert bekam und außerdem auf meine Vorbildfunktion als Autorin und Musikerin hingewiesen wurde, kam ich unfreiwillig aber unweigerlich in´s Denken…

Ich will im Internet kein Vorbild sein und wollte es auch nie – aber mal angenommen, hier würde wirklich jemand mitlesen (man tippt ja nie in das Gesicht eines Gegenübers sondern kommt sich erstmal ganz muggelich-anonym vor…) – wofür würde ich diese Aufmerksamkeit nutzen wollen? Würde ich versuchen wollen, Ärger zu verstärken? Oder würde ich das kleine Fleckchen Internet, das ich hier für mich beanspruche, als Garten sehen wollen, in dem bunte Blumen und Himbeersträucher wachsen können? Würde ich die öffentliche Wahrnehmung meiner Aussagen an Negierungen verschwenden wollen? Nee. Wäre ja schade drum.

„Vermehrt Schönes!“ habe ich als Aufkleber auf meinem Auto als Lektüre für meine Umwelt vorgesehen. Wie wäre es, wenn ich selbst damit anfangen würde? Zumindest in meinem Kopf steige ich hiermit feierlich auf einen Stuhl und lege Folgendes fest:

Ich werde mich nicht mehr gegen Dinge aussprechen. Ich werde mich FÜR Dinge aussprechen. Ich bin nicht länger die Uli Stein-Maus mit dem „Dagegen!“-Schild.

Nicht gegen die Schwächen (meine eigenen sowie die der Anderen) will ich mehr arbeiten – lieber FÜR die Stärken! Nicht gegen schlechte Zeitungsartikel will ich mehr schreiben – lieber FÜR die guten. Ich will für das Leben sein. So wie Bruder Corssen da oben auf seinem Stuhl.

Nicht gegen den Spätwinter – lieber FÜR den kommenden Frühling. Nicht gegen das ewige Aufräumen – lieber FÜR ein Zuhause, in dem ich mich wohl fühle. FÜR Ravioli mit Spinat-Ricotta-Füllung. Und FÜR ein gutes Stückchen Butter obendrauf. Für Ruhe. Für Freiheit. Für Gleichberechtigung.

Let freedom ring and the good times roll! Vielleicht erlaubt meine morgendliche Zeit es mir ja schon jetzt, den Tag mit einem inneren „Dafür!“-Schild zu überschreiben. Und wenn wir uns dann hoffentlich in ein paar Jahrzehnten wieder mal auf n Kringel Fleischwurst treffen, hoffe ich, meine eigene Psychofärbung so weit unter Kontrolle zu haben, dass es mich keine Kraftanstrengung mehr kostet, eine Fürsprecherin zu sein.

Den Facebook-Aufreger habe ich gelöscht. In meiner kleinen Internetgartenparzelle soll es blühen. Und mittendrin in der Blütenpracht steht ein Stuhl für die Uli Stein-Maus mit dem „Dafür!“-Schild.

 

 

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5 Gedanken zu “Psychohygienische Internetgärtnerei

  1. Hm….. joah. So ernst hatte ich den „Aufreger“ gar nicht genommen. Ich jedenfalls brauch beide Uli-Stein-Schilder. Blöd ist nur, wenn man immer nur eins davon benutzt. Ich glaub, auch das Pro-Sein hat Grenzen….

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