„Mia san… Trendopfer!“ 

Ich hatte mich kurz ein bisschen erschrocken, als ich vor einiger Zeit bei Facebook laß, dass 2016 das Jahr sein wird, in dem die Nerdbrille als Accessoire endgültig nur noch von SUV-fahrenden Münchnerinnen getragen werden wird. Oh nein! Ich mag meine Nerdbrille und fühlte mich bisher immer gut und intellektuell bis zur Unkenntlichkeit aufgehübscht, wenn ich sie trug. Aber ok: bevor ich nun das tue, was die CSU-wählende „Mia-san-Upperclass“ tut, lasse ich das gute Stück eben im Bad anstauben und grüble darüber, was wohl sonst so gehen mag in diesem Jahr.
Kurze Randnotiz zum Überthema: meine Angst davor, außer- aber geradeauch INNERhalb irgendwelcher Trends zu liegen, nimmt mit zunehmendem Alter ab. Als ich genau dieses Phänomen einst pubertierend bei meinen eigenen Eltern beobachten durfte, gruselte es mich und ich dachte (während ich Plastikschnuller an einer Art Schnürsenkel um den Hals trug wohlgemerkt!!) nur „Wie kann man nur so out sein?!! Das passiert mir nie, ey!“.
Bums – natürlich ist es doch passiert!! Heute lehre ich meine Töchter das Gruseln, wenn ich sie in meiner muckelig-bequemen Yoga-Hose (in der ich mich leider nie genau von hinten gesehen habe!) durch den Supermarkt navigiere. Das ist der Lauf der Dinge, war schon immer so und ist ja auch insgesamt eigentlich ganz witzig. Es gibt also Trends – in der Regel übrigens wiederkehrend -, die einen hohen Entertainment-Faktor haben. Sich vor ihren Müttern gruselnde Töchter zB. Aber gut: NICHT im Trend liegen haben ja viele von uns schon gut geübt. Glauben wir zumindest. Fühlt sich ja auch echt klasse elitär an, nicht mit dem Strom zu schwimmen. „Einfach mal anders sein!“ – dachte wohl auch einst der erste Hipster. …irgendwann BEVOR es schwierig wurde, in einem der überall sprießenden „Handwerks-Machwerk-Manufaktur-Laden-Läden“ einfach einen schwarzen Kaffee zu bestellen. Ach ich kippe schon wieder auf einer Seite vom Trendgaul. Ich bin selbst mehr Hipsterin als ich zugeben möchte. Auch ich werde mich in wenigen Jahren darüber kaputt lachen, dass ich heute Jutetaschen mit der Aufschrift „Esens-Bensersiel“ für eine gesellschaftstaugliche Handtasche hielt. Lirumlarum: Trends kommen, Trends gehen. Manchmal bin ich ihr seliges Opfer, manchmal bilde ich mir ein, über ihnen zu stehen. Was in der Regel Quatsch ist.

Genug nun vom Ballersbacher Streetstyle-Blog. Eigentlich wollte ich ganz woanders hin mit dem Thema und bin gerade selbst ganz gespannt, ob ich die Kurve genommen kriege oder ob alles bis hier Geschriebene nochmal weg muss und ich dann doch bei „Zeit zum Aufstehen“ einsteigen muss. Es gibt zurzeit einen Trend, der mich gleichermaßen fasziniert wie abstößt. Vielleicht ist es sogar schon mehr als ein Trend. Vielleicht ist es eine Bewegung oder Entwicklung. Vielleicht Gesellschaftsgeschichte. Mancher singt und spricht von Revolution, es wird getobt, proklamiert und Stellung bezogen wie schon lange nicht mehr. Doch so viele Tränen, kilometerlange Facebook-Diskurse und Bekenntnisse schon beteiligt waren: an gesellschaftlicher Belanglosigkeit mangelt es (ähnlich wie bei der Nerdbrille) auch hier nicht. 

Wie nenne ich das Phänomen? Wie heißt das? Was läuft? Ich denke, dass das Wort „Evangelikalen-Bashing“ es vielleicht ganz gut beschreibt. Zumindest fürs Erste. Als eine Art Arbeitstitel. Ich beobachte zunehmend den Trend, sich vom evangelikal-Sein abzugrenzen. Ich unterliege ihm selbst (auch wenn ich mir – wie wahrscheinlich alle! – einbilde, vernünftige Beweggründe und überhaupt die einzig wahre Legitimation dafür zu haben). Es wird geschimpft, belächelt, auf der IDEA-Seite der Shitstorm geprobt – man möchte sagen: es ist zum ersten Mal seit Jahren zumindest nicht NUR langweilig im Dunstkreis der christlichen Fundis. „Evangelikal“ ist ungefähr die am Bein aufknöpfbare Jogginghose unter den Konfessionen.

Sie machen uns das Motzen derzeit aber auch leicht, die Geschwister mit dem „E“! Was man bei „Mission unter falscher Flagge“ noch als überspitztes Journalisten-Gezicke verbuchen KONNTE, wurde mit „Zeit zum Aufstehen“ schon zur Selbstaussage und auf Papier gedruckt. Was das Problem ist? Nun, ich fürchte: wir haben es irgendwie nicht so mit Menschen. Ja, ich sage einfach mal „wir“. Als stolze Tochter des Pietcong fühle ich mich der evangelikalen Bewegung (Bewegung ist schmeichelhaft, ich weiß, aber „evangelikaler Stillstand“ klingt irgendwie dumm) eng verbunden. Ich musste zwar die Aufstehzeit und manch andere Sternstunde nicht mehr als aktiv Teilnehmende erleben, aber ich gehöre zu derjenigen Glaubensgeneration, die abends mal länger aufbleiben durfte, wenn Ulrich Parzany gesprochen hat und die in der Jungschar Songs wie „Glauben heißt Wissen: „Es tagt!““ auswendig mitgegrölt hat.

Ja, ich hatte eine glückliche Kindheit in diesem ganzen Setting und fühle mich bis heute nicht geistlich misshandelt oder sonst irgendwie verhunzt. Das ist ja auch schon was heutzutage, oder? Das war alles cool soweit. Aber ist es das denn heute auch noch? Ich gröle in Summe weniger und vermutlich muss mittlerweile Bruder Parzany länger als normal aufbleiben, falls er mich würde sprechen hören wollen. Die Zeit macht selten Halt und aus der unbeschwerten FEG-Göre zwischen Wetzlar und Siegen (wie lautet die Mehrzahl von Neu-Jerusalem?!) wurde Eine, die heute (Surprise!) irgendwas zwischen agnostischer Mystikerin und liberaler Femichristin geworden ist und deren geistliche Nahrung größtenteils aus Podcasts besteht. Podcasts, die der ERF zB nie ausstrahlen würde. 

Nicht Fisch (welch bedeutungsschweres Bild!) und nicht Fleisch zu sein ist heute wohl der Trend in meiner weltweiten Glaubensfamilie. Alles, nur nicht evangelikal. Das wäre zu viel Statement. Zu viel Statement DAGEGEN, um genau zu sein. Und da hab ich (und ich freue mich, damit nicht allein zu sein) keinen Bock drauf. Mich ermüden Statements gegen Homosexuelle. Und wer behauptet, er würde zwischen Homosexuellen und Homosexualität unterscheiden, redet Müll. Ja, Müll. Man wird jawohl mal plump formulieren dürfen! Mich langweilen Diskussionen über vor-, nach- und innerehelichen Geschlechtsverkehr zu Tode (wenn man in der Zeit, die man mit drüber Reden zubringt, einfach vögeln würde… Aber nunja.). Dieses leicht menschenfeindliche, schwer nachweisbare Gefühl, das einem in der evangelikalen Szene manchmal n feuchten Zeigefinger ins Ohr steckt, stößt mich ab. Und so geht es vielen mit mir, das weiß ich. Höre, lese und spüre ich.

Doch siehe da: während ich all das beobachte und mitmache, falle ich – wie wir es schon die ganze Menschheitsgeschichte lang so gerne tun – auf der schon wieder anderen Seite vom Gaul. Die Menschenfeindlichkeit strotzt mir aus jeder Pore, während ich über sie bei Anderen wettere. Ich bin nicht viel hübscher als meine Feindbilder, während ich sie karikiere und belächle. Ich motze bei Anderen über den Splitter im Auge und bemerke die deplatzierte Nerdbrille auf der eigenen Nase nicht. Ich bespucke meine eigenen Wurzeln und damit auch mich. Ich brenne die Brücken ab, die mich an den Punkt brachten, auf den ich mir heute oft so viel einbilde.Das macht mich still und nachdenklich. Und ist auch wider Erwarten garnicht langweilig. Da wo sich Trends wiederholen um von mir bewertet, verlacht oder gelangweilt zur Kenntnis genommen zu werden, wäre EIGENTLICH Demut das Gebot der Stunde. Die Gnade meiner späten Geburt könnte mich Stille leeren – während ich aber liberaltheologisches Oberwasser habe und glaube, mein (moderater) Bildungsstand sei mein eigener Verdienst. …wenn mir der Arsch auf Grundeis geht, bin ich doch immer noch froh, dass mir ein altes Heilslied oder ein Gebet aus Kindertagen im Kopf herumspukt.

Was mache ich mit diesen Gedanken und bruchstückhaften Erkenntnissen? Mit meiner kleinen Wahrnehmung des Großen und Ganzen? Im Zweifelsfall das Gute reden! Ich will die anfeuern, die FÜR die Menschen sind! Man findet sie vielleicht öffentlich-evangelikal im Moment ein bisschen seltener, als zB in der Hospizbewegung. Aber Sippenhaft ist scheiße. Systeme bestehen aus Menschen. Und die können großartig sein, egal, welchem Lager sie entspringen. Ich will weniger über Systeme und Gruppen reden. Mehr über und MIT Menschen. Nein, ich darf mir leider nichts darauf einbilden, dass ich nicht zB in den Zeiten der großen Erweckungsbewegung gelebt habe. Ich hätte doch damals so laut die ganzen „Blut-und-Lamm-Schlager“ gesungen, dass selbst mein Tinnitus „Welch ein Freund ist unser Jesus“ georgelt hätte. Nein, so traurig es klingt: ICH wäre nicht diejenige gewesen, die die Bekehrung in Frage gestellt und Worthaus-Vorträge zitiert hätte. 

Wir WERDEN zu dem, was wir sind. Und das in der Regel unverdient. Es ist falsch, den Weg des Werdens als Zeit der Dummheit oder des Noch-nicht-verstanden-Habens zu werten. „Damals war ich noch dumm, heute bin ich historisch-kritisch Tuttifrutti“ ist als Selbstaussage traurig. Die Flügel der Bildung und gedanklichen Freiheit sind wenig wert ohne identitätstiftende Wurzeln. Und Wurzeln ohne Freiheit im Oberstübchen verknöchern und werden in unterirdische Vergessenheit geraten.

Ich will ja nicht komplett ausrasten in meiner Funktion als gutes Christengirl, aber wenn wir uns bei der nächsten Bums- bzw. Nicht-Bums-Debatte mal wieder um den Verstand langweilen möchten, können wir aus Spaß mal an unsere buddhistischen Freunde denken. Die fragen sich ja ganz gerne mal, wie wohl der mittlere Pfad aussehen könnte. Auf dem mittleren Pfad ohne SUV aber vielleicht manchmal mit unmoderner Brille. Mit Podcast auf dem Ohr und Heilsliedern im Herzen. So werde ich in diesem Jahr die Gemeinsamkeiten zwischen meinen Feindbildern und mir suchen. „Evangelikalen-Bashing“ ist in sich sinnlos. Zumindest für Christen. 

Soweit der Erkenntnisstand hier und heute.

Mal sehen, wann ich merke, dass das hier alles Quatsch war…

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4 Gedanken zu “„Mia san… Trendopfer!“ 

  1. Wow, den begriff solltest du dir patentieren lassen…voll Zeitgeist! Ich gebe dir Recht. Das Bashing meiner eigenen kleinen evangelikalen Gedankenkonstrukte tut mir jedoch gerade ziemlich gut. Ich ertappe mich aber auch viel zu oft bei den Überlegungen, wem ich welchen Vortrag oder welches Buch noch unterjubeln könnte, weil der oder die das ja alles noch gar nicht geblickt hat …
    Apopos Buch: Kennste „Ins Herz geschrieben – Die Weisheiten der Bibel als spiritueller Weg“ von Richard Rohr? GROSSARTIG!!! So wie seine anderen Bücher auch! Er hilft einem sich die ganze Bewerterei ein bisschen abzugewöhnen. Leider gibts dazu (noch) keine Podcasts (durch einen solchen bin ich übrigens auf deinen Blog gestossen), sondern man muss selber lesen (oder Youtube schauen) … 🙂

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  2. Oh ja, interessant! Ich finde mich wieder – in diesem Zerissensein zwischen Abscheu und Verbundenheit…
    Interessant auch dazu (wenn ich mich recht erinnere): „Jesus war kein Vegetarier“ von Sebastian Moll

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  3. Mist, ich fühle mich ertappt:)…vielen Dank für die wertvollen und sehr wahren Gedanken, wobei ich mich beim Blick auf mein Leben schon manchmal frage, ob mir mehr als ein extrem hin und her wankendes Sich-auf-dem-Pferd-Halten mit häufigen Stürzen auf beiden Seiten überhaupt möglich ist. Der von Richard Rohr beschriebene „Worthiness-Contest“ hat halt viele Gesichter, nicht nur das evangelikale. Es tut aber gut zu lesen, dass Andere mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben:)

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