Neue Form der Einsamkeit

Es macht sich ja im Internet jeder so gut zum Obst, wie er eben kann. Vor allem, wenn man was zu verkaufen hat (schlimmstenfalls den eigenen Arsch), gibt man da alles.Das ist ein neuer Arbeitszweig, um den man heutzutage kaum herum kommt. Blöd nur, dass es für diesen Job (DeneigenenArschimInternetVerkäufer m/w) derzeit noch keine Ausbildungsstätten und nur wenige Ausbildende mit Erfahrungswerten gibt. Klar, es gibt so Typen, die was über Image erzählen können und darüber, wie man bei Google weiter vorne vorkommt, aber das sind ja heutzutage noch immer in etwa die Kerle, über die Max Herre schon vor Jahren in „King von Prenzlauer Berg“ berichtet hat und denen möchte man ja nicht das eigene Hinterteil anvertrauen. Nein, das möchte man nicht.

Das Internet ist da und es ist auch irgendwie unser Freund. Wir hängen oft dort rum, aber wie das geht, wie man sich dort benimmt, was schick ist und was peinlich – dafür gibt’s noch keinen wirklichen Knigge. Und auch keine öffentliche Anstandspolizei, die einem das Grüne aus den Zähnen frimelt, bevor jemand anderes es bemerkt. Es ist ein wohltemperierter aber unberechenbarer Teich, in dem wir hier herumdümpeln. Und wir lernen das Schwimmen, während wir bereits im tiefen Wasser sind. Wäre komisch, wenn das immer elegant wirken würde. Klar, da gibt’s Dinge, die uns instinktiv leicht fallen. Auf dem eigenen Profilbild gut auszusehen, ist zum Beispiel nicht unbedingt schwer. Auch bei Leuten „Gefällt mir“ zu drücken, von denen man sich wiederum wünscht, dass sie bei einem selbst „Gefällt mir“ drücken ist jetzt nicht unbedingt die ganz hohe Kunst. Und selbst dann, wenn man die eigenen Profileinstellungen so optimiert hat, dass nicht jeder Honk sehen kann, dass man heimlich die Seite von Daniela Katzenberger abonniert hat, ist man noch immer kein Meister in dieser komischen Arschverkäuferdisziplin. Von Likes kann man noch immer keine Kinder ernähren. Und auch sonst eigentlich erstmal garnichts.
Spannend wird es doch eigentlich erst dann, wenn wir Facebook-Freundschaften von den Freundschaften unterscheiden müssen, die wirklich was bringen. Werde ich geliked, wenn ich mich ungeschminkt (und ich meine NICHT „ungeschminkt wie Nude-Make-up und trotzdem sexy“!) ohne zu fragen dazu setze und nur in unfertigen Sätzen spreche? Wer klickt „Gefällt mir“ dafür, dass ich es einfach nur schaffe, meinen Alltag zu meistern ohne dabei Bücher zu schreiben, gut auszusehen oder witzig zu sein?
Nein, ich sage nicht, dass diese ganze Social Media-Welt schlecht ist! Sie ist nicht schlecht, aber sie ist anders. Sie hat eigene Regeln, die wir noch nicht in Gänze verstanden haben (Nein, auch dann nicht, wenn wir in unseren Gedanken der King von Prenzlauer Berg sind!). „Igor, wir haben ein Monster erschaffen!“ möchte man doch rufen, wenn man sieht, dass junge Frauen magersüchtig werden oder Menschen weinend vor dem Computer sitzen, weil irgendein Depp sein Depp-Sein mal wieder bei Facebook auslebt! Wie konnte es so weit kommen, dass man sich kaum noch traut, ne Frage an Menschen zu stellen, die einem auch Google hätte beantworten können? Muss ich wirklich Sorge darauf verwenden, ob und wenn ja wie ich mich online äußere, weil ich weiß, dass ständig irgendwelche Typen die Websites dieser Welt durchwühlen, weil sie einfach nur Bock auf Stunk haben? Ja – das muss ich offensichtlich. Und das ist es, was ich meine, wenn ich sage, dass diese neue Welt zumindest „anders“ ist…
Ich bin voll drin. In diesem Wasser. Ohne Schwimmflügel. In manchen Momenten schaffe ich es, den neben mir Absaufenden ein freundliches Shalom zuzuwinken – in anderen Momenten drohe ich, in diesem unwirklichen Teich zu ertrinken. Und ich schwanke zwischen „Ich verkaufe mein Handy und bin raus aus allem“ und „…mal über nen Twitteraccount nachdenken“ und komme nicht zum Punkt. Was ich vermisse (und es trotz intensiver Suche bisher nicht online bestellen konnte!) ist es, gesehen und berührt zu werden, mich gut zu ernähren, meinem Körper zuzuhören, offline zu sein und regelmäßig zum Yoga zu gehen. Nichts davon tue ich. Keine Zeit. Muss einfach ständig Artikel namens „Offline ist der neue Luxus“ verlinken und außerdem ganz dringend mit Wildfremden darüber diskutieren, ob man für Yoga in die Hölle kommt. …ähm??! Was mir fehlt ist es, jede Art von Kunst, die ich ausscheide, nur zu meiner eigenen Entlastung von mir zu geben. Mein aktuelles Ergebnis ist eine zeitliche und emotionale BElastung zur Vermarktung eben jener Kunst. …finde den Fehler, ohne zu googlen…

Wir haben eine neue Form der Einsamkeit erfunden. Klingt irgendwie depri-mäßig, ist aber so. Mein Verhältnis zu dieser neuen Form der Einsamkeit habe ich noch nicht abschließend klären können. Aber ich bleibe dran. Es hört nicht auf, in mir zu arbeiten. Der Tag wird kommen. Das ahne und das hoffe ich. Was genau an diesem Tag passieren wird, kann ich noch nicht sagen aber auf dem Weg zu diesem Tag werde ich noch mindestens einmal alleine bei schlechtem Wetter auf dem Deich stehen und mich selbst spüren, wie ich es sonst nirgends kann. Und wenn ich das lange genug gemacht habe, dann kommt er vielleicht. Der Tag. Vielleicht der Tag, an dem ich bescheuert werde. An dem ich mir eine Glatze rasiere und mit der Bildhauerei anfange (lieber Bildhauerei als Menschenhauerei, würde ich übrigens meinen!). Oder vielleicht wird es auch nur der Tag sein, an dem ich lerne, mich selbst zu dosieren und mich nicht immer bei allem so fürchterlich anzustellen.
Welcher Tag auch immer es wird – er wird kommen. Vielleicht. Ich freu mich einfach mal drauf. 

…schrieb es und lud es im Internet hoch. Ich habe nie gesagt, dass ich schlau bin.

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9 Gedanken zu “Neue Form der Einsamkeit

      1. Mehr wie so ein Theaterbesucher. Das Stück berührt mich existenziell, es wirft Fragen auf, macht mich traurig, stachelt mich an, etwas zu ändern… Dann applaudiere ich mir die Emotion kollektiv von der Seele (Es hat uns gefallen, und jetzt ein Ritual, und dann können wir weiterleben wie gewohnt).

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    1. Von Kierkegaard werde ich ja immer irgendwann böse, weil ich der Meinung bin, dass die wirklich richtig großen Geister ihre Weisheiten so formulieren können, dass sie auch von den wirklich richtig kleinen Geistern verstanden werden können.
      Mir sind deine Gedanken in diesem Gesamttext tatsächlich die liebsten. Viel Schlaues dabei… Bisschen wie in so nem Beichtstuhl, ne? Man möchte zugehört kriegen und sich selbst irgendwie erleichtern, aber kein Gesicht sehen, dass einen unter Umständen spiegeln könnte.

      Mittelfristiges Fazit: wir müssen wieder Burger essen. Und dabei möglichst belanglos daherreden.
      Warum? Weil wir es können!

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      1. Ich stimme dir zu. Insbesondere was das Setting für belanglose Gespräche angeht.

        Allerdings: Meine Gedanken sind ja auch nur in der Auseinandersetzung mit dem Zitierten entstanden. Es gibt schließlich nichts neues unter der Sonne, sagt der Prediger.

        Ok. Spätestens jetzt wäre ich wegen pseudointellektuellem Uffscheppertum aus dem Beichtstuhl geprügelt worden. Lass uns mal lieber wieder den Blick auf den Burger und die Ästhetik des Belanglosen richten. Melde dich, ich habe beruflich bedingt momentan viel Zeit.

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      2. Terminplanung läuft bereits.

        Frei nach irgendeinem altjüdischen Brauch beantworte ich Uffscheppertum mit einer Gegenuffschepperei und sage, dass es auf Hawaii kein Bier gibt.
        So, genug der Schläue. Ab jetzt wieder „Träume nicht dein Leben, tätowiere deine Wand!“.

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      3. Kierkegaard ist wirklich ein großer Geist, auch wenn er nicht wirklich politisch vorbildlich war. Aber es lohnt sich wirklich, und wenn man „Entweder – Oder“ von vorne liest, ist das schon ein ziemlich klares Buch. Mindestens die Diapsalmata lohnen sich wirklich. Da sagt er selbst zu endlosen Satzreihen:
        „Es gibt einen Aufmarsch von Räsonnements, welcher in seiner Endlosigkeit sich zu dem, was dabei herauskommt, geradeso verhält, wie die unübersehbare Reihe ägyptischer Könige zu der geschichtlichen Ausbeute, die man davon trägt.“

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