Bei meiner Kellnerinnenehre

30 Jahre auf der Straße und jetzt als Gast bei uns im Hospiz. Er ist etwas Besonderes – für uns alle hier im Haus. Ein Gast, wie wir ihn vorher noch nicht hatten.

Es gehört im Hospiz zu unseren obersten Prinzipien herauszufinden, was ein Gast für sich braucht, wo er her kommt, wo er hin will. Was er mag, was nicht – welcher Religion er sich zugehörig fühlt. Wie er gelebt hat, so soll er bei uns sterben dürfen. 30 Jahre auf der Straße, eine besondere Biografie.

Als „Autobahn-Willi“ war er quer durch Deutschland ein Begriff. Dann kam der Krebs. In der Obdachlosenunterkunft in Wetzlar merkt der Betreuer, der Willi seit Jahren kennt, wie es um ihn bestellt ist. Er hatte sich nach seiner OP in Bayern noch irgendwie bis Wetzlar durchgeschlagen – München war zu teuer, um dort bleiben zu können. Der Betreuer aus der Obdachlosenunterkunft stellt den Kontakt zu uns her und so kamen wir schon vor einigen Monaten mal wieder zu einem neuen Gast, der uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Er braucht immer Luft um die Nase. Mit seinem Rollator marschiert er Kilometerweit um unser Haus herum, kümmert sich um die Blumen vor dem Haus, kehrt den Hof – er lässt sich nicht einfach nur aushalten, das ist ihm wichtig. Heute ist Willi 65 Jahre alt geworden. Das ist sein letzter Geburtstag, da sind wir uns alle halbwegs sicher. Seinen letzten Geburtstag würde er gerne feiern, hat er uns gesagt. Mit Ananas-Sahnetorte, Rosé-Wein, Kartoffelsalat ohne Mayonnaise und vor allem: nicht allein! Alle sind eingeladen! Die Mitarbeitenden, alle anderen Gäste, seine Kumpels von der Straße, die Ehrenamtlichen, Angehörige, die Geschäftsführung und nicht zuletzt die Presse. Die Presse kam, es gab ein Interview – ich werde den Link teilen, wenn es so weit ist. Es war ein tolles Fest und Willi war glücklich! Ja, wir haben gezaubert als Hospiz-Team – und gehen doch (mal wieder) reicher aus diesem Arbeitstag, als wir hinein gegangen sind.

Meine Büro-Kollegin hatte tatsächlich ein Rezept für Ananas-Sahnetorte und den Mut, es zu gebrauchen. Ein stattliches Gebäck mit einer „65“ aus Schokolade obendrauf ließ Willis Augen heute strahlen! Eine ehrenamtlich Mitarbeitende brachte eine Stange Zigaretten aus Polen mit, eine Angehörige, deren Mutter erst vor kurzem bei uns verstarb kam weinend und brachte zwei Bier in einer Geschenktüte. Es gab Blumensträuße, Strickstrümpfe – mehr Geschenke, als Willi tragen konnte. Einer seiner Straßenkumpels wich heute nicht von Willis Seite, er schenkte seine Anwesenheit – Willi steckte ihm aus Freude über seinen Besuch jede zweite Schachtel Zigaretten zu, die er selbst geschenkt bekam. Ich selbst habe gekellnert während des Kaffeetrinkens. Gemeinsam mit einem unserer ehrenamtlichen Geschäftsführer. Wir haben uns fast die Arbeit gegenseitig aus den Händen gerissen. Weil es verflixt nochmal eine EHRE ist, auf dieser Geburtstagsfeier zu kellnern!

Wenn es einen Himmel gibt, dann soll er bitte so sein. Der Tippelbruder bestellt beim Geschäftsführer ein Glas Rotwein zur Torte und wird im Gegenzug gefragt: „Trocken oder halbtrocken?“. Er lächelt kurz und überrascht und sagt dann: „Trocken bitte.“. Der Mann, der seit Jahrzehnten keinen Geburtstag gefeiert hat, wird besungen, umarmt und so reich beschenkt, dass er sofort die Hälfte weiter verschenkt.

30 Jahre Straße, heute der letzte Geburtstag mit Ananas-Sahnetorte bei uns im Hospiz. Autobahn-Willi, ich danke dir für diese Einladung! Es war mir verflixt nochmal eine Ehre, dein Gast zu sein!

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16 Gedanken zu “Bei meiner Kellnerinnenehre

  1. Hallo Johanna,
    ohne Zweifel eine sehr liebevolle Arbeit und ein „Traum“, der für Willi in Erfüllung gegangen ist.

    Nun wäre ich nicht „ich“ wenn ich nicht etwas zum Nachdenken dazu hätte. Ich habe Deine Kommentare (und Deinen Web-Link) bei Hossa-Talk entdeckt und so bin ich auf Deine Geschichte mit Willi gestoßen…und so gebe ich folgendes zu bedenken:

    Ich stelle mir immer direkt vor, was hätte Jesus genau hier getan?
    Kein Mensch würde an Deiner Geschichte etwas zweifelhaft finden, weil eure „Taten“ so liebevoll waren. Doch gibt es in meinen Augen ein „Aber“. Obwohl Jesus (das ist der Typ, dem ich folge) deutlich sagte: „was ihr einem dieser Kleinen tut, das tut ihr gleichermaßen mir“ (Mt.25,39) hätte er nicht das Gleiche getan. Jesus hätte nicht den letzten Geburtstag Willis gefeiert, sondern hätte ihn zum Leben eingeladen, und wenn Willi sich für Ihn entschieden hätte, dann hätte Jesus den ersten Geburtstag im neuen Leben von Willi gefeiert. Zuvor hätte Jesus Willis Körper geheilt (so wie er es immer zu seiner Zeit auf Erden tat). Und das Ergebnis wäre ein völlig anderes. Der „neue“ Willi hätte einen absolut gesunden Körper, würde in der Jüngerschaft Christi folgen (wenn er an Jesus glauben würde) und hätte noch jede Menge Geburtstage vor sich.
    Und jetzt frage ich: „Wer hat den Glauben für diese Geschichte?“ Dieser Ausgang der Geschichte ist nicht nur liebevoll, er ist durchsetzt von Gottes wahrhaftiger Liebe (für mich ein enormer Unterschied).

    Ich weiß, dass ich mit dieser „Kritik“ in ein menschliches Wespennest steche… zumal ich selber weit weg von solch liebevollen Taten bin, wie ihr sie im Hospiz tut und absolut Null Rechte habe, diese zu kritisieren. Doch ich kritisiere nicht die liebevollen Taten an sich, denn die sind ja an sich schon im Sinne Jesu, sondern gebe zu bedenken, dass Jesu Taten in meinen Augen darüber hinaus gingen. Und ich weiß, dass Jesus der wahre Weg ist und seine Wege sind immer die besten in Bezug auf die Menschen.

    Wäre es nicht insgesamt besser, wenn wir die Wege Jesu gehen würden?
    Haben wir dazu überhaupt Glauben?
    Was würde Willi dazu sagen? Wünscht er sich komplette Heilung und würde er Heilungsgebet akzeptieren?

    Denn Jesus würde ihn nicht überrumpeln. Er geht immer nur soweit, wie wir ihn gehen lassen. Unsere Entscheidungen sind Gott noch wichtiger als seine eigene Liebe zu uns…

    Wenn Du magst, kannst Du Willi fragen.

    Liebe Grüße
    Markus Pinschmidt

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    1. Hallo Markus,

      Danke für deinen Kommentar.
      Ja, das ist natürlich ein hochkomplexes Themengebiet, das du da anpeilst und ich bin (vor allem im Bereich Heilungsgebet und Bekehrungsaufrufe) sicher noch nicht am Ende meiner Meinungsbildung angekommen. Deshalb sind Nachdenken und Austausch für mich immer gut und wertvoll.

      Um auf die von dir angeführten Punkte zu sprechen zu kommen:
      Ich selbst kann tatsächlich nicht in jeder Situation mit letzter Sicherheit sagen, was Jesus genau wie tun würde. Trotzdem würde ich sagen, dass meine Wahrnehmung Jesu (ja, es ist tatsächlich „nur“ MEINE Wahrnehmung!) in jeder biblischen Situation die ist, dass er den Menschen mit höchster Wertschätzung begegnet.
      In dem Moment, in dem ich einen Menschen (woher er auch kommen mag!) bewirte, ihm Schmerzfreiheit, sein Lieblingsessen und den größtmöglichen Respekt seiner Weltanschauung gegenüber entgegenbringe, bin ich da (in MEINER Wahrnehmung) schon ganz gut unterwegs. Was nicht heißt, dass ich alles verstanden hätte, was es zu verstehen gibt.
      Da gilt dann für mich tatsächlich der von dir zitierte Vers. Genau so, wie er da steht.

      Du entschuldigst bitte, dass wir in unserer hospizlichen Arbeit ein kleines bisschen sensibel beim Thema „Heilungsgebet“ sind. Das hat nichts damit zu tun, dass wir kleingläubig wären (was ich nicht hoffe, aus deinen Anmerkungen herausgelesen zu haben), sondern wir sind sehr darum bemüht, die körperliche und seelische Situation unserer Gäste zu kennen und zu respektieren. Zu uns kommen diejenigen, bei denen das Heilungsgebet nicht erhört wurde. Diejenigen, die nicht heil aus der Nummer rausgekommen sind. Wir begleiten sie im Umgang mit ihrer gescheiterten körperlichen Genesung. Natürlich lassen wir immer einen gewissen „Spielraum für Wunder“ und wir erleben sie auch im Großen und Kleinen. Es kommt auch oft vor, dass ich für unsere Gäste bete, um Schmerzfreiheit oder inneren Frieden bitte – ich tue das aber im Stillen.
      Insgesamt bemerken wir immer wieder, was es für unsere Gäste für eine Erleichterung darstellt, in ihrer Rolle als unmittelbar Sterbende (betend oder klagend, glaubend, friedlich oder zweifelnd) akzeptiert und behandelt zu werden.

      Akzeptanz, das wäre es wohl, was mir in meiner Arbeit wichtig ist. Die Kraft dafür erbitte ich von Jesus. Und auch wenn ich nicht immer sicher weiß, was Jesus tun würde, bemühe ich mich doch nach Kräften darum, ihm nachzueifern.

      Weil ich aber gern dazulerne und im Austausch bleibe, bin ich so frei, auf meinem Facebook-Profil auf unseren Austausch hier aufmerksam zu machen. Wer weiß, was wir noch so alles an Meinungen und Ansichten zu lesen bekommen und was wir noch von- und übereinander lernen dürfen.

      Liebe Grüße, Johanna

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      1. (habe gerade gesehen, dass neue Kommentare geschrieben wurden… sende diesen trotzdem erst einmal ab)
        Mmmmh, meine Sensibilität lässt bestimmt des Öfteren zu wünschen übrig… da stecke ich mitten drin, wo ich am besten unsensibel sein soll und wo nicht. In einem Hospiz wäre ich wahrscheinlich ein Elefant im Porzellanladen…
        Wenn Willi Jesus schon persönlich kennt, wäre das genial…von hier aus kann ich es natürlich absolut nicht beurteilen. Heilung hin oder her; Errettung ist und bleibt für mich der wichtigste Punkt (lieber Verkrüppelt ins Himmelreich, als geheilt in die Hölle).

        Wenn ich beim Beispiel Jesu bleibe, war er im persönlichen Kontakt zu den Menschen, herausfordernd, direkt, konsequent, sogar überfordernd und zeigte den Menschen die Grenzen auf (und alles war 100% mit Gottes Liebe durchtränkt). Die geistliche Elite war damals so aufgebracht über ihn, dass sie ihn sogar umbringen wollten. Und heute? Der Pfarrer, durch den ich mich bekehrte, war der erste ev. Pfarrer, der seines Amtes enthoben wurde… wo Jesus auftaucht, entsteht entweder Verwirrung unter den Menschen oder neues Leben.

        Kurzum, was ich in Deinem Beispiel herausfordern finde, ist: Wie kann ich einem Menschen mit 100% Gottes Liebe begegnen, der gerade durch gescheiterte Heilungsversuche und gut gemeinten Ratschlägen von Christen in eine tiefe Krise gefallen ist? Ist die Liebe Gottes etwas anderes als unsere Vorstellung von einer liebevollen Sterbebegleitung?
        Gerade tiefe seelische „Schäden“ lassen uns schnell hilflos dastehen … ist Gott auch da hilflos?

        Mich interessieren einfach auch knifflige und „aussichtslose“ Situationen weil ich als ein exekutives Werkzeug (=Jünger Christi) auf Erden eine Verantwortung spüre, im Namen Jesus jedem Menschen in jeder Situation helfen zu können…

        LG,
        Markus

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    2. Hallo Markus,

      ich finde es falsch, hier irgendwas zu erwünschen, was „noch besser“ als der liebevolle Umgang der Menschen im Hospiz ist. Du machst einen enormen Unterschied zwischen liebevollem Handeln und der „wahrhaftigen Liebe“ Gottes. Den sehe ich nicht. Ich kenne Menschen, die anderen Menschen mit großer Hingabe helfen, aber doch nicht mit sich selbst zufrieden sind, weil sie ihrer Meinung nach nicht genug auf Jesus hingewiesen haben oder keine Bekehrung a la „Jesus Christus als meinen persönlichen Herrn und Heiland“ herausgekitzelt haben. Oder die ihren eigenen Kleinglauben verachten, weil sie nicht der Krankheit in Jesu Namen befehlen, den Körper zu verlassen.

      Beides wertet das liebevolle Handeln, von dem du sprichst, zu Unrecht ab. Weil es als wirklich christliche Taten nur durchgehen lässt, was a) eine Bekehrung verursacht oder b) eine Krankheit entgegen wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeit heilt.
      Dabei ist letztendlich nur wichtig, dass man von sich selbst weg sieht und schaut, was der andere braucht und wo man ihm helfen kann. Wenn jeder Mitarbeiter im Hospiz noch hektisch dem Willi den Bekehrungsanker zuwirft, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen, ist keinem geholfen.

      Gruß,
      Tino

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    3. Hallo Markus,

      die anderen Kommentare hier haben schon vieles von dem gesagt, was mir beim Lesen deines Kommentars in den Sinn kam. Da es aus meiner Sicht das grundlegendste Missverständnis ist, dass du hier äußerst, möchte ich das von Tino bereits erwähnte nochmals unterstreichen: Es gibt keinen Unterschied zwischen liebevollem Handeln und der „wahrhaftigen Liebe“ Gottes.

      Deinen Wunsch, Willi Heilungsgebet anzubieten und die Hoffnung danach, dass er geheilt wird und weiter leben kann, kann ich gut nachvollziehen. Auch den Wunsch nach einem Bekehrungsgebet kann ich nachvollziehen, hilft es doch dabei die Menschen in drin und draußen einzuteilen, aber zum Glück ist es nicht so einfach.

      Ich habe mich in den letzten 7-8 Jahren, in meinem blutigen Hobbytheologen da sein, mit fast keinem anderen Thema als Heilungsgebet beschäftigt, theoretisch und praktisch. Leider vergessen wir bei dem Thema häufig, dass Heilung im Sinn der Bibel und damit auch in dem von Jesus, nicht ausschließlich auf körperliche Heilung zielt. Vielmehr ist damit Heilung an Körper, Seele und Geist gemeint. Also eine umfassende, ganzheitliche Wiederherstellung.
      Heilung ist immer im Willen Gottes, davon bin ich überzeugt, aber leider geschieht sein Wille hier auf der Erde (noch) nicht immer. Mit diesem Wissen im Hinterkopf sollte Heilungsgebet ein Tool in unserer Liebevoll-Handeln-Toolbox sein, welches wir dann einsetzen wenn es passend ist.
      Und vielleicht hab das liebevolle Handeln im Hospiz Willi’s Seele so sehr geheilt, dass er dies nur mit Gott in Verbindung bringen konnte?

      Liebe Grüße,
      Manuel

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  2. Achso. Was ich völlig vergessen habe: ich weiß tatsächlich überhaupt nicht, wie Willi zu Jesus steht. Vielleicht ist er ja schon seit Jahren Christ. Woher also direkte die Annahme, dass er ein potentiell „zu Bekehrender“ ist?

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  3. Da ich ganz großartig in der Senfproduktion unterwegs bin, hier meine Gedanken. Auch, wenn ich nur blutige Hobby-Theologin bin…
    Liebe Johanna,
    ich habe schon vor einigen Tagen diesen Beitrag gelesen und auf meiner Couch laut applaudiert. Du hast mit deinen Worten in meinem Kopf ein richtiges Bild von Willi und seiner letzten Party gezeichnet. Jesus hat sicherlich mitgefeiert. Vielleicht können mit dieser Aussage einige Mit-Christen wenig anfangen. Weil Willi ja in unserem Sinne nicht bekehrt war. Aber, woher maßen wir uns immer an zu wissen, in welcher Beziehung unsere Mitmenschen zu Jesus stehen? Und in welcher Beziehung Gott zu ihnen steht? Ich denke, in der Retrospektive können wir sehr leicht Behauptungen aufstellen, inwiefern Jesus gehandelt hätte. Wir haben ja die Evangelien, anhand denen wir einen Einblick haben, wie Jesus geredet, gedacht, geheilt hat. Daraus schaffen wir Dogmen, die den tatsächlichen Wirkungskreis Gottes einschränken.
    Ich traue Gott zu, dass er heilt. Selbst erlebt. Aber genauso traue ich ihm zu, dass er nicht heilt. Und dass er nicht immer mit einem Wunder zur Hilfe eilt. In unserem christlichen Heilungswahn vergessen wir, dass das Sterben zum Leben dazu gehört, dass Schmerzen und Unüberwindbares Teil von uns sind.
    Wir werden erst Ganz und Heil sein, wenn wir bei Ihm sind. Hier in der Welt sind wir Stückwerk.
    Ich würde gerne noch mehr Senf dazu geben, aber ich hab einen Arzt-Termin. Da helfen gerade keine Heilungsgebete. Ein Medizinmann muss her 🙂
    Viele liebe Grüße
    Veronika

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  4. Hi! Also ich, wenn man das so sagen darf, Echttheologin…ich krieg erstmal den heiligen Zorn. Danach soll aber mein Senf nicht schmecken. Vielleicht ein bisschen, das werd ich dann nicht ändern können. Johanna und Veronika, ihr habt das schon wunderbar beantwortet. Danke.

    Der Satz, der mich so zornig macht, ist dieser: „Er [Jesus] geht immer nur soweit, wie wir ihn gehen lassen.“ Wie kann man nur denken, Gott ließe sich von uns einschränken? Wie kann man nur annehmen, unsere Begrenztheit, unser Zweifeln, ja – mein Unglaube – könne dazu führen, Gottes Handeln zu vermindern? Gott ist souverän, er ist allmächtig – mein Zweifel macht ihn doch nicht ohnmächtig! Im Gegenteil.

    Wie kann man nur annehmen, Gott sei ein Automat, der – wenn sich dann einer zu ihm wendet, weil er vorher anscheinend zu blöd war für das „richtige, gesunde“ Leben – sofort per Fingerschnipp die Reparatur aller irdischen Mängel übernimmt? Und was ist eigentlich mit denen, die nicht in diese „Werkstatt“ gehen? Sind die dann selbst schuld an Ihrer Krankheit? Geschieht ihnen ihre Krankheit recht, weil sie ungläubig sind? Und die, die Jesus nicht weitergehen lassen (s.o.), sind die dann selbst schuld, dass er sie nicht heilen kann? Und wenn ich als Kranker mich gegen ein „Heilungsgebet“ entscheide, bin ich dann selbst schuld, wenn ich sterbe?

    GEFÄHRLICHES Terrain, Markus. Tun-Ergehen-Zusammenhang heißt das auf Theologisch, was du hier predigst. Lange und immer wieder ist das Volk Israel daran gescheitert, das Alte Testament ist voll von diesen Geschichten. Ich empfehle das Buch Hiob. Dringend. Komplett lesen. Da nämlich wird der Tun-Ergehen-Zusammenhang schon auf den Kopf gestellt. Hiobs Freunde predigen ihn nämlich auch. Gott sagt, dass sie nicht „recht reden“. In Jesus und am Kreuz wird diese Erklärung für Leid übrigens ein für allemal aufgelöst. Da leidet und stirbt der Sohn Gottes, der dort – nebenbei bemerkt – kein Heilungsgebet für sich gesprochen hat.

    Und das sage ich als jemand, der gerade heute morgen einer Freundin Heilungsgebet empfohlen hat. Weil sie einen Scheiß-Tumor hat. Ich habe Angst, dass sie jemandem begegnet, der – sollte sie nicht geheilt werden – ihr irgendwann einredet, ihr Glaube habe nicht für eine Heilung ausgereicht. Das nämlich ist wirklich krank.

    Wir sterben. So ist es in der irdischen Welt. So bleibt es.
    Und dann sterben wir nicht mehr.

    Michaela

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    1. ich hab zwar keine Zeit mehr aber als menschlich unsensibler Mann beharre ich auf den Satz, dass wir sehr wohl Gott in seinem Handel behindern/einschränken können. Dein Satz, dass Gott allmächtig/souverän ist bedeutet NICHT, dass er machen kann, was er will! Gott ist Geist und kann nur nach seinen eigenen Regeln handeln… soviel zu seiner Souveränität, die wir Menschen doch nur unwissend so auslegen, dass er alles könne. Kann er lügen? NEIN! Gott kann nicht alles. Und er hat uns Menschen sogar die Macht über diese Erde gegeben (lest es im Schöpfungsbericht nach). Gott ist sozusagen der Vermieter und wir sind die Mieter. Mit allen Rechten und Pflichten, die dazu gehören.
      Ja. Das ist „GEFÄHRLICHES Terrain“. Das weiß ich. Es ist GEFÄHRLICHES Terrain für die Menschen. Nicht für Jesus. Der lebte noch viel viel viel gefährlicher als ich. Ich bin bisher nur ein Theoretiker und viel zu wenig praktisch. Und wir können uns hier die Köpfe blutig diskutieren… Resultat: Unfriede (da lege ich meine Hand ins Feuer).
      Wenn wir nicht wissen, was Jesus uns aufträgt zu handeln, dann „Klappe halten“ (‚tschuldigung). Wenn wir sicher sind, im Sinne Jesu zu handeln, dann „tue es“ und diskutiere nicht.

      LG,
      Markus

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      1. Lieber Markus,
        Zu deinem Kommentar ganz oben: gute Fragen!
        Ich stelle sie mir so ähnlich auch immer wieder und interpretiere mein persönliches Exekutiven-Dasein, indem ich mich in liebevoller Sterbebegleitung übe. Das ist nicht der richtige Platz für alle Menschen auf der Welt – das ist mir klar. Aber für mich stimmt es derzeit so. Was – wie gesagt – nicht heißen darf, dass ich fertig mit Fragen, Hadern und Zweifeln wäre.

        Zu dieser „Klappe-halten-oder-Tun“-Nummer weiter unten: merkste selbst, gell? 🙂

        Wie dem auch sei nochmal für alle: ich freue mich über lebendige Debatten – auch über diese! Zusammen unterwegs ist meist irgendwie cooler, als wenn man sich den ganzen Tag selbst erzählt, was man so meint.

        Den Frieden des Donnerstagabends in die komplette Runde!
        J

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  5. Lieber Markus, du hattest doch die Diskussion angefangen, oder? Und ich konnte dazu nicht schweigen. Im Sinne Jesu. Vielleicht ist der letzte Teil deines Beitrags aber auch deinem Zeitmangel geschuldet. Und: Doch, doch! Gott kann alles. Alles. Auch lügen. Heißt nicht, dass er es will. Heißt nicht, dass es es tut. Aber er kann. Weißte, er setzt die Regeln. Und er kann sie auch neu definieren. Es ist nicht wie in der Mathematik oder Physik – das sind irdische Regeln, nach denen Dinge funktionieren. Gott ist dynamisch, er ist Kraft, er ist überzeitlich und überräumlich. Und überhaupt für uns Menschen unbegreiflich. Schon gar nicht berechenbar. Undefinierbar. Unverfügbar. Das Wunder ist, dass er uns trotzdem so nahe kommt. In unsere Zeit, in unseren Raum. Heißt nicht, dass er in unser Denken passt! Den Frieden der Nacht! 😉

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  6. @Johanna
    Du hast eine sehr feine Art und lässt Dich nicht so schnell provozieren…und, Du hast ein Talent, Dich verständlich auszudrücken…Gofi und Jay haben Dein Buch auch in „höchsten Tönen“ gelobt… nutze Dein Talent weiter hin.

    @Interessierte
    habt Ihr Lust einen Schritt weiter zu gehen?
    Dazu muss ich vorher sagen, dass der Gott, den ich meine, der Vater von Jesus Christus ist, dessen Heiliger Geist hier auf Erden in jedem wiedergeborenen Christen lebt. Also der Gott, der wirklich nicht lügen kann (4.Mo.23,19) und alle seine Versprechen/Verheißungen zu 100% einhält.

    Ok, dann lasst uns nicht über Rechthaberei/Meinungen/Erfahrungen streiten, sondern die Liebe Gottes direkt betrachten:
    Wer von uns lebt die Bergpredigt ganz aus?
    – wer ist immer ehrlich?
    – wer vergibt alles?
    – wer liebt von ganzem Herzen die, die ihm Ungutes tun?
    – wer ist frei von allen Sorgen?

    Ich behaupte dazu, dass die Gottesbilder der meisten Christen heute so quer hängen, dass sie so nie in der Lage sein können, die Bergpredigt zu leben.

    „Die Bergpredigt ist kein Ideal, dass wir erreichen sollen, sondern drückt das aus, was jeder wiedergeborene Christ geworden ist“ …frei nach Oswald Chambers; „Mein Äußerstes für sein Höchstes“.

    Genau das ist der Knackpunkt, an dem sich die Spreu vom Weizen unter den wiedergeborenen Christen trennt:
    – glauben wir, dass Jesus uns ALLE Sünden komplett vergeben hat (und er uns keine einzige Sünde mehr vergeben braucht)?
    – glauben wir, dass wir echte Kinder und Erben Gottes sind?
    – glauben wir, dass wir komplett geheilt und befreit worden sind?
    – glauben wir, dass wir volle Autorität über die natürliche Welt haben?
    – glauben wir, dass wir Vollmacht über alle Dämonen haben?
    – glauben wir, dass wir zu 100% gerecht gemacht worden sind?
    – glauben wir, dass Gottes Liebe vollkommen in unser Herz ausgegossen worden ist?
    – glauben wir, dass wir von Gott mit „Wohlstand“ gesegnet worden sind?

    Was ich damit sagen will ist, dass wir zu erstaunlichen Dingen berufen sind („und ihr werdet größere Dinge als ich tun“ Joh.14,12), es aber nicht glauben!
    Wir biegen uns einen Gott zurecht, der in unsere Welt und zu unseren Erfahrungen passt, der uns nicht auf die Füße tritt und versuchen ihn, in unserem Leben unterzubringen. Und das funktioniert nicht.
    Entweder übernimmt Jesus unser neues Leben, indem wir das alte Leben komplett am Kreuz zurücklassen (unser Kreuz auf uns nehmen) oder wir werden weiter einem gebastelten Gott nachfolgen und als wortwörtliche geistliche Krüppel durchs Leben gehen. Entweder ich sterbe oder Jesus wird nicht durch mich leben können.

    Diesen geistlichen Krüppelzustand erkenne ich flächendeckend unter uns Christen, wobei doch Jesus ALLES vollbracht hat (seitdem tut er nichts mehr hinzu). Er hat alles vollbracht, damit wir wieder in der Gottesbeziehung leben können, wie sie Adam damals vor dem Sündenfall lebte… wir verpassen den Sinn unseres Lebens, wenn wir an uns festhalten (oder wie soll ich es besser ausdrücken?)…und darüber hinaus sollen wir auch geeignete Werkzeuge sein, um Gott den Menschen zeigen zu können.

    Ich glaube und zweifle nicht, dass dieser vollendete Liebesweg für jeden wiedergeborenen Christen möglich ist. Genau so, wie Jesus zu seiner Zeit auf der Erde lebte und zeigte…
    Erkennt das jemand… glaubt das jemand… macht da jemand mit?

    Gottes Gnade und Weisheit
    Markus

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    1. Oha, da kommst Du arg mit der frommen Keule, und doch gefällt mir Dein Radikalismus (der ja nicht bloß Deiner ist, sondern der von Jesus!). Denn man merkt so vielen Christen tatsächlich das geliebt-Sein und auferstanden-Sein nicht an. Mir oft auch nicht, und deswegen gefällt es mir nicht, wie forsch Du über andere Christen urteilst (Stichwort: Demut). Und dennoch will ich mich auf den Weg, den Du beschriebst, machen.

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  7. Ich weiß, dass es sich wie eine Keule anhört und auch das BEurteilen von (uns) Christen erfolgt mit voller Absicht, weil:
    „Der größte Feind Jesu Christi in unseren Tagen ist unsere Auffassung von der praktischen Arbeit, die nicht aus dem neuen Testament stammt, sondern aus den Systemen der Welt“.
    Ich meine damit, dass wir Christen (und ich beurteile mich stets mit, Michaela) versuchen, Jesus mit unseren Gedanken/Meinungen/Interessen (das „Ich“) zu identifizieren.
    Jesus aber möchte, dass dieses „Ich“ stirbt und wir dann sein Auferstehungsleben leben.

    Ich betrachte derzeit unser christliches Verhalten kritisch, weil ich der Auffassung bin, dass wir das Beste überhaupt verpassen… ein wunderbares, enges Zusammenleben mit einem Gott der komplett Liebe ist…

    LG

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