Ich in meiner Funktion als glückliche Freischwimmerin…

  

 Torsten Hebel.

Sein Fan zu sein, fällt als Heterochristin erstmal nicht weiter schwer. Man schaut gern hin, man hört gern zu – witzig und munter am predigen, so wurde er in der christlichen Öffentlichkeit schnell und zurecht bekannt. Ein Evangelist, wie man ihn haben will. Sein Auftritt bei den Jungs von Hossa Talk machte mich aber doch nochmal neugierig. „Ex-Evangelisten unter sich“ hieß die Folge mit ihm – „Was’n JETZT los?!“ dachte ich. Ich hörte mit Interesse und wurde ernsthaft gespannt auf sein anstehendes Buch „Freischwimmer“.

Ich habe es geschafft, dem Verlag schon vor Erscheinen ein Exemplar abzuschwatzen. Indem ich versprochen habe, eben genau hier eine Rezi dazu zu schreiben. …dass ich dafür tatsächlich auch noch ganz andere Dinge getan hätte, muss der Verlag ja nicht wissen. Also psst… Zwei Abende hat es gedauert und ich war durch mit Lesen. Und nachdem ich durch war, war ich ein paar Tage lang still. Noch keine Worte für’s Erste. Die machen in letzter Zeit irgendwie öfter mal kurz Urlaub. Aber sie kommen immer wieder zuverlässig zurück und deshalb jetzt und hier die versprochene Rezi:

Freischwimmer / Torsten Hebel & Daniel Schneider / SCM 
Ein Evangelist hat seinen Glauben an Gott verloren. Oh ha!
Im ersten Teil seines Buches wird Torsten Hebel persönlich. Er zeigt sich verletzlicher, als er es eigentlich müsste. Er schämt sich nicht, über seine Minderwertigkeitsgefühle zu berichten, die ihn lebenslang begleiteten. Wieviel Mühe er sich gegeben hat um zu genügen, schildert er in beeindruckender Offenheit. Und er verbündet sich schon direkt zu Anfang mit mir (und bestimmt so manchem Lesenden), indem er Sätze schreibt wie „...ich fühlte mich wie eine Mogelpackung auf zwei Beinen, denn innerlich war ich mir immer bewusst, dass ich, so wie ich bin, nicht gut bin. Ich fühlte mich wertlos. Außen hui, innen pfui.“ Aber was war denn nun das Problem in Sachen Gott? Ich hege den Verdacht, dass er seinen eigenen Predigten gegen Ende seiner aktiven Zeit vielleicht nicht mehr ganz hinterher gekommen ist. Und was bedeutet das? Heißt das etwa, dass alle, die sich damals auf seinen Aufruf hin bekehrt haben, jetzt nach diesem Buch den Antrag neu stellen müssen? Nein. Das heißt es nicht. Er hört schon selbst die Schreckensrufe und schafft es, sie glaubhaft zu befrieden. Niemand bekommt seinen Glauben von Torsten abgesprochen in diesem Buch. Es werden auch keine „Bösen“ benannt. SEIN Problem mit Gott ist und bleibt SEIN Problem mit Gott. Und in dieses sehr persönliche Problem spielt Vieles rein. „Vielleicht ist er einfach zu aufmerksam durch die sozialen Brennpunkte seines geliebten Berlins gelaufen…“, denke ich beim Lesen leise. Ja, er kratzt sehr sorgfältig jedes kleinste bisschen Lack ab vom evangelisierenden Sunnyboy. Er macht sich gleich zu Anfang des Buches sehr verletzlich und nimmt seine Verletzlichkeit mit in den zweiten Teil des Buches, der wohl den tatsächlichen Körper seines Werkes darstellt.

In insgesamt elf Gesprächen begegnet Torsten ebensovielen Persönlichkeiten, die ihm in seinem bisherigen Leben in den verschiedensten Bereichen wichtig waren und es noch immer sind. Von der Theologin über den Kumpel zum Prof. Dr. – der Autor nimmt uns mit in verschiedenste Wohn- und Arbeitszimmer, in Gärten und Cafés, wir dürfen immer live dabei sein. Durch die wunderbar-atmosphärischen Bilder von Lea Wörner ist jede neue Begegnung wieder ein interessantes Abenteuer. Der Autor sucht mit seinen Fragen und Unsicherheiten das Gespräch. Er dürstet und hungert nach Glaubhaftem, nach Theologie die trägt. Torsten mutet sich seinen Gesprächspartnern voll zu in diesen vertrauten Unterredungen. Das ist wohl für mich insgesamt das Rührendste an seinem Buch. Er fragt und seufzt. Es wird geschwiegen und gezweifelt. Manchmal wird auch mal etwas nicht gewusst. Torsten mutet sich zu und wird in jeder Begegnung auf ganz eigene und persönliche Art ausgehalten. Jeder seiner Gegenüber zeigt dabei seine individuelle Form der Nächstenliebe. Man trägt und erträgt ihn. Man teilt und spendet. Eine Hand auf seiner Schulter, Augenkontakte, stilles Lächeln. Ja, es ist ein echter und großer Facettenreichtum – persönlich wie inhaltlich-, der in diesen Gesprächen auftaucht. Ich werde alle Interviews noch mehrmals lesen, glaube ich. Was die Unterredungen miteinander verbindet, ist die wunderbare Gesundheit, die ihnen inne wohnt. Torsten kann nicht anders als für sich zu sorgen, indem er fragt und zweifelt, nervt und nicht nachlässt. Er schwimmt um sein geistliches Leben. Das kann man wohl sagen. Er schwimmt und kämpft – und lässt für sich sorgen, indem er alles Gesagte als potentiellen Rettungsanker sieht, ohne dabei leicht zu beeindrucken zu sein. Seine Gesprächspartner geben ihm dabei alles, was man in Zeiten der Unsicherheit und des Unglücks braucht: Zeit, Aufmerksamkeit, Essen, Wein und Wertschätzung. Ich denke, dass die Atmosphäre der Gespräche (die man Dank der großartigen Aufmachung des Buches regelrecht schmecken kann!) für mich das eigentlich tief Anrührende ausmacht.

Tja und dann das „Finale grandioso“ – oder ist es nur ein ausgerenkter Wirbel, der leise an seinen Platz rutscht und damit die Erlösung bringt? Wie laut oder leise der Knoten auch platzen mag: das Ende ist kein plattes „Alles wieder gut!“, keine Kapitulation aus Schwäche. Das Ende ist eine „Atemübung“ für Leute, die schwimmen lernen möchten. Es ist ein Ende zum selbst Weiterdenken. Ein Ende in die Weite hinein. Ein Ende für echte Freischwimmer.

Nur so viel sei verraten: ob Torsten Hebel nun an Gott glaubt oder nicht…
ICH glaube nach dieser Lektüre einmal mehr an die Freiheit der Gedanken, an die Wertschätzung und daran, dass Gott da ist, wo zwei oder drei zusammensitzen und Bücher über ihn schreiben.  

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Ein Gedanke zu “Ich in meiner Funktion als glückliche Freischwimmerin…

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