Ausbremsen in gut

Wenn ich ein Wie-Wort nennen müsste, das mich und meine eigene Generation erklären sollte, dann wäre es wohl „außer Atem“. Das sind zwar zwei Worte, sie zählen aber in der Kategorie „Wie-Wort“ als eins. Wer das nicht weiß, ist dumm.

Ich kam auch heute Morgen wieder mal außer Atem auf der Arbeit im Hospiz an. Gerade noch pünktlich. Nachdem ich gerade noch pünktlich den Kindergarten verlassen habe, nachdem ich gerade noch pünktlich aufgestanden war. Alles zackizack, immer so ein ganz leichter Dauerdruck auf der Leitung. Und später kommt man dann außer Atem VON der Arbeit zurück, um gerade noch pünktlich das Kind abzuholen und in den letzten Bewusstseinszügen den ganzen Zuhause-Kram hinzukriegen. Ich will mich mal nicht ernsthaft beklagt haben – zum Einen ist dieser ganze Zirkus, den ich betreibe selbstgewählt und zum Anderen gibt es in Europa zurzeit ein paartausend Leute, die bestimmt einen stressigeren Mittwoch haben als ich heute. Mir gehts gut und ich bin froh – das steht über alledem. Aber diese außer Atem-Sache lässt sich immer schlechter übersehen, je öfter ich in den Spiegel, oder in so manches Gesicht von Mitmenschen meines Alters schaue.

Außer Atem komme ich also mal wieder auf der Arbeit an. Ich donnere das Handy in die Tasche, verheddere mich komplett in meiner Jacke bei dem Versuch, sie anzuziehen und gleichzeitig aus dem Auto zu steigen, während ich die Schokolade auf dem Beifahrersitz in den Schatten räume. Die Sonnenbrille ruhig noch absetzen – hab ich den Smoothie eingepackt, bei dem morgen die Haltbarkeit abläuft..? Mist, die Haare sehen mal wieder aus wie Affe an Schleifstein! Oh ha, gleich halb! Ich stolpere also in Richtung Hospizeingang und gehe im Kopf durch, was heute anliegt. Ganz leise in den Hintergrundprozessen meines Gehirns singt ein wohlmeinender Gerhard Schöne leise „Wenn ich gehe, gehe ich. Wenn ich schaffe, schaffe ich. Wenn ich aufsteh, steh ich auf…“ Aber dann hört man in meinem Kopf so ein Geräusch wie wenn die Nadel über die Schallplatte kratzt, denn wenn ich eins nicht mag, sind es Menschen, die schlauer sind als ich! Vor allem am Morgen!

Meine ständige Hetze spricht für sich, denn ich bin jetzt da! Geschafft! Ich bin gerade noch pünktlich! Ein neuer Arbeitstag kann beginnen und Gerhard Schöne ist auch still, alles gut also. Ich komme zum Eingang und bleibe relativ abrupt stehen. Ich will – ich MUSS dieses Bild einfach genießen…Im strahlenden Sonnenschein sitzen vier Menschen um den Gartentisch vor unserer Eingangstür. Zwei von ihnen kann ich anhand ihrer Chemoglatze direkt als Gäste unseres Hauses identifizieren, die Anderen sind vermutlich eine Angehörige und eine unserer ehrenamtlich Mitarbeitenden. Es gibt Kaffee und scheinbar auch irgendeinen Grund zum Lachen und als ich näher komme, muss ich leise mitlachen. Auf dem Tisch steht ein großes „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel. Ok, ich muss sagen: DAS hat Stil! Vor dem Hospiz sitzen und „Mensch-ärgere-dich-nicht“ spielen! Nachdem ich freundlich in die Runde gegrüßt und die komplette Szenerie gelobt habe, gehe ich rein und merke dabei, dass ich irgendwie ein bisschen verlangsamter unterwegs bin. Diese Szene hat etwas für mich getan. Ich glaube, dass sie mich vielleicht mal wieder ein kleines bisschen ausgebremst hat. Im besten Sinne ausgebremst. Nicht so, wie ein Bandscheibenvorfall einen ausbremst, sondern so, wie einen die Erkenntnis des Wesentlichen vielleicht manchmal ein bisschen zügeln kann. Ausbremsen in gut. Gleich morgens, schon vor der ersten Email. Ich nehme mal wieder ein paar Hypothesen mit aus diesem Arbeitstag.

Wenn man es doch schaffen kann, im Angesicht des Todes kichernd „Mensch-ärgere-dich-nicht“ zu spielen – vielleicht kann ich es dann ja schaffen, mir nicht mehr so ins Hemd zu machen wegen meiner selbstkonstruierten Alltagskatastrophen.

Wenn man es doch scheinbar hinbekommen kann, den vielleicht vorvorletzten Lebenstag zu beginnen, indem man mit geschlossenen Augen in der Sonne sitzt und eine Tasse Kaffee abfeiert, dann kann ich es vielleicht auch schaffen, mein Tempo und meine Prioritäten zu hinterfragen.

Und wenn einige meiner Mitmenschen bald gestorben sein würden, würde ich dann abbremsen und mich zu ihnen setzen, um ein Kinderspiel mit ihnen zu spielen?

Wenn und dann. Und Wie-Worte. Mehr aus dieser Kategorie gibt es dann in Leben ist das neue Sterben. Noch drei Wochen.

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