Fluchttier mit Tattoo und Hinlauftendenz

So, da bin ich wieder.

Es war schön in „Gottes Wartezimmer“ (wie mein Mann unseren Urlaubsort wegen der hohen Rentnerdichte insgeheim etwas despektierlich nennt). Schwarzes Watt an weißen Schenkeln, Remoulade auf Jack-Wolfskin-Jacke, Pommesvergiftung nach wenigen Tagen – all das muss man lieben und ich tue es!

Nun bin ich also wieder zurück und irgendwie ist mit der Sommerpause die letzte Station VOR dem großen Wahnsinn zu Ende gegangen. Nächster Halt: Bucherscheinung im September. Der Rest des Jahres steht dann im Zeichen der PR. Telefoninterviews, Lesung auf der Buchmesse und noch ein paar Spezialitäten, über die ich momentan noch nichts verraten kann. Nun steht irgendwie nichts mehr zwischen alledem und mir. Und genau deshalb wäre jetzt normalerweise der Punkt, an dem ich hinschmeißen wollen würde. Alles absagen und so tun, als wäre nichts gewesen. Ja, ich bin ein Fluchttier. Und das nicht erst seit gestern. Ich konnte schon immer sehr gut mit dem Schwung gehen, bin phasenweise unfassbar produktiv und kurz bevor irgendetwas konkret wird, kriege ich Angst. Angst, nicht geliked zu werden. Angst, es zu verkacken. Dann lieber pfeifend in die Luft gucken und so tun, als wäre nichts gewesen.

Diesmal klappt es nicht mit dem Weglaufen. Zu spät. Da hätte ich früher dran sein müssen. Ich habe noch kein Gefühl für den richtigen Weglaufzeitpunkt bei einem Buchprojekt entwickeln können. Das Schreiben und das Abgeben fand irgendwie so sehr in der Stille statt, dass ich vielleicht gar nicht genau wusste, was ich da tat. Und jetzt eben Telefoninterviews und alles. Das sind zwar insgesamt Dinge, die natürlich wunderbar zu erzählen sind – eigentlich habe ich aber Angst vor alledem. Was, wenn ich aus Versehen schmutzige Worte sage, wo sie nicht hingehören? Was, wenn ich falsch zitiert werde oder nur heiße Luft zustande bringe? Was, wenn jemand mein Buch in der Luft zerreißt? Was, wenn das alles nur ein sehr, sehr langer Satz mit X wird? Ich würde mir am liebsten die Decke über den Kopf ziehen bei solchen Gedanken. Nicht zur Verfügung stehen, nicht zuständig sein. Dann eben auch auf den Zuspruch verzichten, wenn ich dabei ein emotionales Risiko eingehen muss.

Bei Demenzerkrankten spricht man ja seit Neustem nicht mehr von „Weglauftendenzen“, wenn sie ständig versuchen abzuhauen. Sie wollen dabei nämlich eigentlich nicht WEGlaufen von dem Ort, an dem sie sind. Weil der eigentliche Impuls ein anderer ist, spricht man mittlerweile immer öfter von der sogenannten „Hinlauftendenz“. Ganz einfach deshalb, weil sie gerne HIN zu dem Ort möchten, den sie als Zuhause abgespeichert haben. Was das jetzt mit mir zu tun hat?! Naja, vielleicht ist es bei mir so ähnlich. Ich möchte nicht zwingend WEG von Titelseiten (derer ich in Bälde tatsächlich eine zieren soll) oder WEG aus der öffentlichen Wahrnehmung. Was ich mir aber wünsche, und was mich immer wieder wie ein kopfloses Huhn verrücktspielen lässt, ist die Sehnsucht nach dem Zuhause des Angenommenseins. So sein dürfen wie ich will, geschminkt oder pur und dabei immer in Ordnung. Frech, faul und dumm aber geliebt. Nicht für mein Tun, sondern für mein Sein akzeptiert zu werden. Das wünsche ich mir. Zuhause wie „Willkommen“, Zuhause wie „Gewollt“. Ich habe (und ich glaube, damit nicht ganz allein zu sein) eine Hinlauftendenz in die Geborgenheit.

Die öffentliche Wahrnehmung meiner Person wird sich in den nächsten Monaten verändern. In welche Richtung, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, wie alles wird. Aber wer weiß das denn schon? Wüsste ich denn, wie sich mein Leben weiter entwickelt, wenn ich alles bleiben ließe? Wird sich mein Wert eigentlich auch nur ansatzweise verändern, je nachdem, wie diese ganze Nummer hier läuft? Nein, natürlich nicht. Was habe ich also zu verlieren?

Wer sich nichts traut, weiß doch eigentlich auch nicht, ob alles gut geht. Wenn die Remoulade auf der Windjacke das einzige Abenteuer bleibt, ist doch im Prinzip auch nichts gewonnen. Vom „hätte ich doch“ hätte ich doch am Ende auch nichts! Ich will mein Leben nicht bloß träumen! Also mutig voran, du altes Fluchttier! Ran an´s Telefon, rein in die Diskussion! Auf in´s Studio, rauf auf die Lesebühne! Selbst wenn mein Herz nicht immer nur gestreichelt werden mag, kann ich doch vielleicht ein paar andere Herzchen im Vorbeigehen berühren. Wo ich doch nichts zu verlieren habe, habe ich aber vielleicht etwas zu verschenken an die, die mit einem Verlust kämpfen müssen. Wenn schon nicht für mich, so kann ich doch vielleicht ein bisschen Wertschätzung für diejenigen schaffen, die in unserer Gesellschaft außen stehen. Bzw liegen. Weil sie zum Beispiel bald sterben müssen und deshalb vielleicht auch komisch riechen. Nein, es soll und darf hier nicht nur um mich gehen! Eigentlich will ich mein Buch Anderen widmen. So sehr ich auch bei mir selbst war, als ich es geschrieben habe, so sehr will ich meine Worte und Gedanken jetzt denen geben, denen sie gut tun können. So sehr ich mich mit diesem Schreibprozess selbst innerlich gereinigt habe, so sehr will ich jetzt auch Anderen die Chance geben, sich mit Hilfe meiner Überlegungen im Kopf nach vorne zu bringen. Das Besondere der nächsten Zeit wird vielleicht, dass es jetzt im Unterschied zu vorher nicht mehr nur um mich und meinen persönlichen Herzens- und Hirnfick geht. Ab jetzt möchte ich die Welt mit dem beschenken, was ich für mich erkennen und entdecken konnte.

Und mir selbst werde ich – bevor der Wahnsinn richtig los geht – aber noch schnell eine Liedzeile von Christina Brudereck in´s Herz schreiben. Nur zur Sicherheit. Falls es mal blöd werden sollte.

„Im Hoffen und im Sorgen – wir sind in dir geborgen.“

Mit „dir“ ist in dem Fall Gott gemeint. Da mag jetzt nicht bei allen Lesenden was klingeln, das macht aber nichts, denn das gilt ja erstmal nur für mich. Und ich will in den nächsten Monaten gefälligst nochmal geborgen sein. Geborgen innendrin, egal was außen passiert. Geborgen im Geliked- und Gedisstwerden (und in den Anglizismen). Geborgen im Missverstanden- und Kritisiertsein. Geborgen in Lederpumps oder Jogginghose. „Geborgen“ – dieses eine Wort tätowiert auf mein kleines Herzchen, das alte Fluchttier mit Hinlauftendenz.

Und für meine Küchenwand und meinem Mann (zur Strafe für den Wartezimmerspruch) noch das Neuste von Antoine de Saint-Exupéry:

„Träume nicht dein Leben – tätowiere deine Wand! Du Vogel!“

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2 Gedanken zu “Fluchttier mit Tattoo und Hinlauftendenz

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