Ein Buch kann keine Oliven servieren

Ich hatte mal einen Freund. Nicht so einen „Willst du mit mir gehen?“-Freund, sondern einen Freund, der seinen Automatenkaffee mit mir geteilt hat, als wir in der Oberstufe waren. Der mich hat abschreiben lassen. Der mir in Mathe absichtlich falsche Lösungen vorgesagt hat, um anschließend den Rest des Tages mit mir über den Tobsuchtsanfall unseres Lehrers zu lachen. Extrem lustiger Typ, einfach in Ordnung, ein Sitznachbar im Mathe-Grund-Versager-Kurs wie man sich ihn nicht wunderbarer wünschen könnte! Ich nenne ihn an dieser Stelle einfach mal Max. Das macht auch deshalb Sinn, weil er tatsächlich so heißt.

Unsere Abizeit ist lange her und ich muss mich bis heute darüber wundern, dass ich überhaupt den Abschluss bekommen habe. Genau jener, unser armer und psychisch oft überanstrengter Mathelehrer nämlich hatte mitnichten vor, mich überhaupt zur Prüfung zuzulassen. Naja – das ist ne längere und eher langweilige Geschichte, der Punkt ist: unser beider Abizeit ist lange her.
Gestern war ein besonderer Tag. Nach ungelogenen 15 Jahren habe ich Max wieder getroffen. Es kam, wie es eben manchmal kommt – er Geburtstag, ich wieder bei Facebook, „Ey, wir müssen mal ein Bier zusammen trinken!“ – „Ja, wenn du Genie es schaffst meine Handynummer rauszufinden wenn ich dir bloß die Quersumme verrate..“ – blabla, ein Kommentar kam zum anderen, wir machten beide ernst und so bin ich gestern nach der Arbeit mit Vorfreude aber auch Herzklopfen in die Kneipe gefahren, in der wir uns verabredet hatten.
Fünfzehn Jahre sind ne Menge Holz. Ob er schon immer so ein Moped war, frage ich ihn zur Begrüßung. So hat man im Prinzip schonmal was Nettes gesagt, die (manchmal schützende) große Fresse bleibt aber fürs Erste gewahrt. Und dann eben der ganz normale Klassentreff-Checkup: wieviele Ehepartner, Kinder, Autos, Fahrräder hat wer – er gewinnt knapp bei den Fahrrädern. Dass er Lehrer geworden ist, bringt mich zum Schmunzeln. Ob er jetzt auf Vertrauenslehrer macht und für wann er seinen ersten Burnout plant frage ich. Man konnte schon immer klare Worte mit ihm wechseln. Ich schaue in dieselben Augen wie vor fünfzehn Jahren – vielleicht sind nur die Fältchen drum herum etwas mehr geworden. Und vielleicht sieht man bei uns beiden ein paar Promille weniger um die Pupille als damals.

Was ich denn so mache will er wissen. „Ähem. Also ich arbeite im Hospiz und habe ein Buch über den Tod geschrieben.“ Ich sage das irgendwie holperig, zumindest kommt es mir so vor. Ich bin es nicht gewohnt, über mein Buch und sein Thema mit Leuten zu sprechen, die mir erstmal nichtsahnend gegenüber treten. Die komische Reaktion („Wieso DAS denn? Also ich könnte das nicht!“ und so) bleibt wider Erwarten aus. Und meine  zaghaften Versuche, ihm das Hospiz als schönen Ort zu beschreiben, kann ich mir auch irgendwie sparen. Es dauert nur Minuten und wir reden über Palliativmedizin und über Metastasen. Wir erzählen uns plötzlich von denen, die wir in den letzten fünfzehn Jahren gehen lassen mussten. Und wir erklären einander mit gewohnter Schnodderschnauze und ohne Angst vor schmutzigen Worten, wie es uns damit ging. Wir trauen uns, steile Thesen aufzustellen. Ich glaube, es kommt ihm komisch vor das zu sagen aber er kann sich vorstellen, dass es für unsere Hospizgäste erleichternd sein kann, nicht mehr hoffen zu müssen. Für niemanden mehr stark sein zu müssen und sich von der „Du packst das schon“-Erwartung Anderer lösen zu dürfen. Es kam mir komisch vor,  genau diese These aus meinen eigenen Beobachtungen heraus für mein Buch niederzuschreiben. Wir redeten zum ersten Mal seit wir uns kennen miteinander über die großen Lebensthemen, über Trauer und den Tod. Wir sprachen über Ehrenamt und darüber, was gut und was nicht gut ist. Über Sterbehilfe und Menschenwürde haben wir geredet. Und er, den ich irgendwie nicht besonders religiös in Erinnerung hatte, stimmte mir spontan zu als ich sagte, dass in der Liebe alle Gebote Gottes erfüllt sind.

Eigentlich war das meine erste „öffentliche“ Erfahrung mit meinem Buch. Deshalb schreibe ich hier davon. Es war eine gute Erfahrung. Ich werde beim nächsten Mal bestimmt etwas weniger holprig sagen können, was ich so mache. Ich bin für Andere scheinbar nicht automatisch der komische Freak, für den ich mich selbst manchmal halte. Die Aussage, dass ich bereit bin, mich zum Sterben und auch zu meiner persönlichen Endlichkeit zu äußern, kann Andere vielleicht manchmal sogar ermutigen und dazu befreien, ihre eigene Meinung und Geschichte dazu auszusprechen. Das ist gut, glaube ich.

Wir haben vor lauter Reden keine Zeit, um die Speisekarte zu lesen. Als der Kellner kommt und die Bestellung aufnehmen will sage ich zu ihm „Wenn ich Lust auf Oliven hätte und wir irgendwie teilen wollen würden, DANN..?!“. Dann lächelt der Kellner und saust in die Küche. Er bringt uns frisches Brot, Butter, Wurst, Käse und eben Oliven. Und wir essen gemeinsam, fallen uns ins Wort, rufen mit vollem Mund „GENAU!“ und manchmal muss ich schreien vor Lachen. Und zwischendurch schweigen wir manchmal. Als wir vom Tod einer Mitabiturientin erzählt hatten zum Beispiel. 
Fabienne ist schon gegangen. Ich wusste das bis gestern nicht.

Letzten Endes kann mein Buch natürlich nicht wirklich was für diesen schönen Abend. Das liegt jetzt in irgendner Druckerei rum oder so. Ein Buch kann ja eigentlich nicht direkt was machen. Es bringt keine Oliven an den Tisch und man kann mit ihm nicht über Morphium diskutieren. Aber ich habe mich getraut, davon zu erzählen. Davon, dass ich so große Angst vor dem Tod hatte, dass ich begonnen habe, schräge Dinge zu machen. Dass ich einen für manche seltsamen Job habe und ihn sehr liebe. Ich habe mich getraut, das alles zu erzählen. Und ich bin nicht ausgelacht worden dafür. Und ich hatte ein ehrliches und gutes Gespräch. 

Mit Sicherheit war das die beste Unterhaltung, die Max und ich (das insgesamt dümmste Duo, das den Mathe-Grundkurs absolviert hat) je hatten. Schön.

Max, du hohler Wurf: addiere bitte jetzt die Buchstaben, multipliziere sie mit X und schicke eine SMS mit dem Ergebnis an deine Hypotenuse.

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