Mut, Demut und Geschwistervermissung / TEIL 1

Hier kommt der erste Teil einer Geschichte, deren Ende ich noch nicht kenne und von der ich nicht weiß, wie lang sie werden wird. Dass es eine wie auch immer lehrreiche und kurzweilige Geschichte ist, steht dafür schon jetzt fest.

Achtung, eine Durchsage:

Ich fühle mich allen Christen in so einer Art welt- und konfessionsweiten Geschwistersache verbunden! Seien sie nun bibeltreu oder katholisch oder beides, landeskirchlich oder sogar evangelikal – wir trinken aus dem selben Glas und das ist gut so.

Ich gehe sogar noch weiter: weil ich der persönlichen Meinung bin, dass alle Menschen Kinder und Geschöpfe Gottes sind, sind auch sie meine Geschwister. Geschwister wo ich geh und steh. Hallo Schwestern, hallo Brüder – ich bin’s mal wieder, eure Johanna!

Ganz schön aufregend, mein Karrierestart! Buch schreiben fand ich einfach – Buch bewerben, damit es hintenraus auch irgendwer liest, finde ich deutlich komplizierter. Zumindest, wenn ich mir vornehme, es mit gutem Gewissen und geradem Rücken zu tun. 

„Was war denn los, liebe Johanna?“ – Ach Danke! Endlich fragt mich jemand! Was los war?

DAS war los:  Letzte Woche flatterte tatsächlich die erste Interviewanfrage mein Buch betreffend von einem recht bekannten christlichen Medienunternehmen in mein Emailpostfach. 

Cool? Nee – erstmal NICHT cool! Anstatt mich drüber zu freuen, bemerkte ich irgendwie eine Art grummelnden und wachsenden Unmut. Ich brütete und haderte, wollte doch gern ein gutes Werbemädchen sein, niemanden verärgern… 

Dem Verlag (der NICHT das anonyme Medienunternehmen ist, sondern SCM heißt und wunderbar ist!) – „meinem“ Verlag, der mich bisher so wunderbar betreut und betüdelt hat, wollte ich keine doofen Scherereien verschaffen… Ich hatte mich doch schon mit dem halben Laden per Email zum Sekt auf der Buchmesse verabredet.

Nein, eigentlich wollte ich niemanden ärgern. Aber ich wusste nunmal, was ich wusste. Ich hatte gelesen und gehört, hatte mich aufgeregt und „Das darf doch nicht wahr sein!“ gedacht. Und nun stand ich da – zwischen einem Verlag (der vom Büchervertrieb lebt), einer Interviewanfrage, mit der ich meine liebe Last hatte und meinem eigenen Spiegelbild. Da stand ich nun und wollte doch eigentlich nur in Ruhe Pasta essen und meinem Spießeralltag nachgehen – jetzt, wo das Buch so schön pünktlich abgegeben und somit vom Hof war. Da stand ich. 

Und dann, eines Morgens in dieser Woche dachte ich: 

„Ok, du Nuss… Bevor du endgültig in den psychischen Ruhestand gehst, mach noch einmal den Rücken gerade! Vergiss nicht, was du gesehen, gehört und gelesen hast! Sei nicht still, wenn es Zeit ist, den Mund aufzumachen! Du wirst gegen Windmühlen keine Chance haben, aber der Spiegel in deinem Bad ist zu groß, als dass du ihn ab heute täglich ignorieren könntest! Hör auf zu quengeln – tu lieber was! Du weißt sehr genau, was dran ist…“
Und nachdem ich zu Ende gedacht hatte, setzte ich mich an den Küchentisch und beantwortete weinend meine allererste Interviewanfrage.

Und das ging (in Auszügen) so:

Sehr geehrter Herr Xxxxxx,
vielen Dank für Ihre freundliche Email! …..

Nachdem ich mir (wie Sie sicher bemerkt haben) ein paar Tage Zeit genommen habe, um über Ihr Schreiben nachzudenken, muss ich Ihnen … absagen.
Ich begründe diese Absage mit den gerne zitierten „persönlichen Gründen“ – möchte aber, um nicht allzu kryptisch rüber zu kommen, gern kurz ausführen, was ich damit meine.

Ich nehme schon seit einiger Zeit wahr, dass es immer wieder zu mehr oder weniger großen öffentlichen Verstimmungen kommt, was die Gäste und gespielten Musiker in ihrem Haus angeht.

Ich musste zum Beispiel erst kürzlich in einem Blog lesen, wie einer meiner Glaubensbrüder zum Interview bei einem christlichen Medienunternehmen …. eingeladen war – um nach seinem Outing zur Homosexualität WEGEN seines Outings wieder ausgeladen zu werden.

Das ist natürlich erstmal ein unerfreuliches Einzelbeispiel, deckt sich aber mit anderen Beobachtungen, die ich leider machen musste. Deshalb beginne ich zu glauben, dass diese Beobachtung symptomatisch für eine (vielleicht unbewusste) Politik der Ab- und Ausgrenzung sein könnte.

…..

Dieser Eindruck hat mich persönlich so sehr verunsichert, dass ich aus diesem Grund Abstand von einem Auftritt in Ihrem Sender nehmen möchte.

…..

…. weil es offenbar verschiedene Gruppen von Christen zu geben scheint – nämlich die, die in Ihrem Haus willkommen sind und die, die es eben nicht sind – möchte ich mich gerne mit denen solidarisieren, die kein Forum verliehen bekommen. 

Aus diesem Grund bedanke ich mich noch einmal ehrlich für die Chance, die Sie mir so freundlich gegeben haben, lehne aber dankend ab. 

…..

Freundliche Grüße,

Johanna Klöpper


Die Bücher, die wegen dieser Nummer vielleicht unverkauft in irgendwelchen Lagerräumen liegen bleiben, könnte ich eventuell als Topfuntersetzer nutzen. Wenn ich mit meinen schwulen Freunden Pasta esse zum Beispiel. Oder ich könnte die Zimmer meiner Töchter damit tapezieren – die würden sich sicher freuen. Nicht. Eventuell könnte man aus den einzelnen Seiten auch Zigaretten drehen oder alte Kommoden damit bekleben und sie für teuer Geld als stylisch verkaufen – es wird sich schon eine Verwendung finden, da bin ich sicher.

…es kümmert die Fernsehsender dieser Welt vielleicht nicht besonders, ob nun ich oder eben die nächste Autorin zum Interview im Studio erscheint. Die haben es jetzt so lange ohne mein Zutun geschafft, ich traue es ihnen auch weiterhin zu. Vielleicht interessiert es noch nicht mal die Mehrzahl der Menschen in meiner Umgebung, was ich tue und unterlasse. Aber mein Spiegelbild interessiert es eben doch, ob ich mich traue, im richtigen Moment „Nein“ oder überhaupt etwas zu sagen. Und ob ich das in einem fairen Ton schaffe. Und wie es bei MIR – und nicht bei „den Anderen“ – um Mut und Demut bestellt ist. Meine Töchter werden mir hoffentlich eine unbequeme Frage weniger zu stellen haben, wenn sie im entsprechenden Alter sind.

Ich möchte meinen Glauben ohne Zäune, Mauern und Abgrenzungen leben. Für mich ist das Evangelium immer inklusiv.

Aber da, wo ich mich für eine Seite des Zauns entscheiden muss, den manche meiner Geschwister immer wieder bauen möchten – dort, wo ich mich entscheiden muss für eine Seite, da wähle ich die Seite, auf der die Gnade ihr Zuhause hat.

Die Gnade wohnt da, wo sie benötigt wird. Sie wohnt in der unmittelbaren Nachbarschaft derer, die nicht zurecht kommen, die auf ihre eigene Art denken und fühlen und deshalb manchmal selbst verzweifeln. Sie kommt mit Kaffee und Kuchen zu Besuch, wenn wir den Karren mal wieder vor die Wand gefahren haben und ruft jedem unserer Vergehen ein freundliches „Immer zwei Mal mehr wie du!!“ zu.
Aber am liebsten wäre es mir ohne Zäune. Ohne „Du kommst hier net rein!“. 

Also Geschwister, hier kommt mein Vorschlag zur Güte: 
Lasst uns die Zäune, Grenzposten und Mauern zwischen uns zusammentreten und uns wieder wie Schwestern und Brüder umarmen, die sich lange nicht gesehen haben.

– – – – – Pause (aka „Nacht“) – – – – –

Der nächste Tag – jetzt kommt das Beste:

Die Geschichte endet hier nicht.

Zu meiner großen Überraschung, schickte mir besagter Herr Xxxxxx heute eine sehr freundliche Antwort. Meine Argumente wurden gehört und verstanden und ich bin zu einem persönlichen Gespräch eingeladen, in dem ich dem zuständigen Ansprechpartner meine Erfahrungen mit seinem Unternehmen schildern darf. Man zeigt sich sehr interessiert daran, eventuelle Missverständnisse aufzuklären, signalisiert auch Bereitschaft zur Entschuldigung wo nötig.
Damit hätte ich nicht gerechnet.

Ich gehe gern zu diesem Gespräch und für den Fall, dass ich mich im Vorfeld irgendwie verhört, verguckt oder vertan haben sollte, werde ich es genau hier zugeben.
Fortsetzung folgt…

Advertisements

5 Gedanken zu “Mut, Demut und Geschwistervermissung / TEIL 1

  1. Du bist beneidenswert frei, liebe Johanna, du bist nur du. Du vertrittst kein Missionswerk, keinen Verband, keine Kirche, keine Interessen Dritter. Irgendwann muss ich da auch hin, weil ich mich nicht mehr verbiegen möchte.
    Ich halte eine ganze Reihe Texte unter Verschluss, weil einige meiner Freunde das nicht ertragen könnten. Das ist keine Feigheit, das ist hoffentlich Weisheit. Aber irgendwann fordert die Wahrheit Klarheit.
    Gute Nacht.
    Jürgen

    Gefällt mir

  2. Johanna – was für ein schöner Blog-Beitrag. Gefällt mir. Ich bin einerseits froh niemand (Verband oder so) verpflichtet zu sein. Andererseits fühlt es sich nach soviel Verantwortung an, sich alleine mit Jesus durch die Büsche schlagen. Ich liebe dieses Bild für mich, aber manchmal hääte ich gern, dass nicht nur Jesus mit mir den bambus rodet 😉 Ich bin froh, dass wir imme rmehr denken, forschen und Meinung bilden und nciht nur wie die Hammelerde mitlaufen.

    Danke, dass du das auch tust – also nicht mitlaufen – mit der Hammelherde 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s