Jeder hat Recht

Meine unangefochtene Lieblingsdoku heißt „Stillen bis der Schulbus kommt“. Die ist großartig! Guckt die! „Brüste sind nicht dazu da, dem Mann zu gefallen!“ So nämlich!

Auch hier gehts – wie so oft im Internet in diesen Tagen – darum, wer Recht hat. Und wer schlau und wer dumm, wer pervers und wer noch ganz sauber ist. Jens Corssen sagt ja, dass man sich n Zettel an den Badezimmerspiegel hängen soll, auf dem „Jeder hat Recht. In seinem Angst- und Denkmuster.“ steht. Lord Stark bei „Game of Thrones“ sagt, dass auch ein Verrückter nun mal sieht, was er sieht. Bedeutet erstmal im Prinzip das Gleiche – allerdings köpft Lord Stark nachher den Verrückten, wovon Jens Corssen wohl Abstand nehmen würde. Sonst wäre er ja ratzfatz arbeitslos.

Ich sags mal so: ICH hab Recht und ich kann es beweisen! Ich habe Recht, wenn ich sage, dass ich euch ein schönes Wochenende wünsche. Weil ich ja selbst am besten weiß, was ich wünsche. Ich habe außerdem Recht, wenn ich euch sage, dass der Frühling unterwegs ist. Und natürlich habe ich extrem Recht, wenn ich euch passend zum Wochenende die beste Doku der Welt empfehle, weil sie das Leben besser macht.

„Ja Merlin, ich hab nur zwei!“. Auch da hat die Mutter Recht. Weil ja im Prinzip alle Recht haben.

Hier gehts zum Film.

Over & out.  Zumindest ein Stück weit.

2 Sekunden

Noch ganz dicht zu sein ist ja nicht in jeder Lebenssituation die allerwichtigste Kernkompetenz. 

Wenn man zum Beispiel Lars Eidinger dabei zuschaut, wie er den großen Monolog aus Hamlet („Sein oder nicht sein“, ihr wisst…) darstellt, merkt man ja sofort, dass der Typ nicht alle Nadeln an der Fichte hat. Und doch ist es so, dass mich genau keine schauspielerische Leistung je so beeindruckt hat, wie eben jene. Na gut, „Kunst kommt von Können – käme sie vom Wollen, hieße sie Wulst.“. Hat irgendwer gesagt. Reich-Ranicki vermutlich. Ich weiß es nicht genau. Heißt: wer nicht schauspielen kann, braucht auch beim Monolog nicht mit Heulen anzufangen – es wird sowieso in der belanglosen Grütze enden. Wer nicht kochen kann, kann sich nackt und schreiend hinter den Herd stellen – das wird keine Kunst, das wird nur schlimm.

An Könnern mangelt es aber auf Erden gar nicht unbedingt, wie ich finde. Ich kenne unzählige kühne Entscheiderinnen, großartige Sänger, kreative Köpfe, tierische Köche (erstaunlich oft männlich übrigens). Es kann und kann und kann. Hier und da und überall, da muss man in der Regel nur lange genug hingucken, dann merkt man das. Und doch bekommt man immer und immer wieder Vermissungen, was das WIRKLICH Großartige angeht. Das, was einem Gänsehaut beschert, wo einem die Worte fehlen. Musik, von der man heulen muss. Essen, von dem man aus Versehen Stöhngeräusche macht. Filme, von denen man wochenlang träumt. Bilder, die man wegen ihrer Schönheit nie vergisst. All das gibt es. Aber zu selten. Dinge, die einen wegen ihrer Großartigkeit an Stellen berühren, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie hat… von diesen Genossen gibt es zu wenige. Weil ich es sage!!

So. Und jetzt glaube ich mal was! Achtungachtung! Ich glaube, dass wahre Großartigkeit sich außerhalb von Kontrolle bewegt. Ich glaube, dass wir am geilsten in Momenten des Kontrollverlustes agieren. Deshalb kommt hier mein Plan für 2017: Ich soll mir ja täglich für alles Mögliche Zeit nehmen. Sagen ja immer alle überall. „Drei Minuten Zeit, um während des Zähneputzens den Popo anzuspannen!“, „Jeden Morgen ein Moment für die Darmflora!“, „Jeden Samstagabend „Ehe-Time“ (aka … ….. …)!“, „Mit nur zehn Minuten soundso am Tag den Haushalt für immer im Griff haben!“. Sicherlich. Finde ich alles großartig, MACHE ich natürlich auch alles genau so und total gewissenhaft (klar!!) – die neue Superroutine allerdings wird einfach tatsächlich alles total auf den Kopf stellen… Glaube ich.

Im neuen Jahr werde ich für jeden Tag genau ZWEI SEKUNDEN einplanen, in denen ich auf alles sch**ßen werde! Nur zwei Sekunden! Mehr nicht! 

Zwei Sekunden, in denen mal kurz egal ist, wie ich dabei aussehe. Zwei Sekunden, in denen keinerlei Vernunft oder klares Gedankengut Platz haben. Schon klar: in die zwei Sekunden passt kein Shakespeare-Monolog. Und auch sonst nicht wirklich viel. Aber ich glaube an die durchschlagende Wirkung der täglichen zwei Sekunden, jawohl! In zwei Sekunden lässt sich schon die eine oder andere kühne Entscheidung treffen. Und ich glaube auch, dass Kontrollverluste trainierbar sind – und in mehr Momenten, als wir glauben, durchaus unsere Freunde werden können! Beim Umarmen! Beim Singen! Beim Lachen! Beim Liebhaben! Beim Geschenkekauf! Beim Tanz! Beim Komplimentemachen! Samstagsabends (hab ich das gedacht oder getippt?! …es geht schon los, ey!)… 

Happy Kontrollverlust allerseits! 2017 wird ein Knaller, das habe ich schon entschieden!

Auf der Pirsch zum Eigenlob

Ich hab heute in der Bäckerei gedacht, dass man ein Brötchen echt gut „Käse-Specki“ nennen kann. Den eigenen Ehepartner hingegen wohl lieber nicht. Über lang oder kurz werde ich ja sowieso noch Eheberaterin! Oder auch Traurednerin, ja, das wäre klasse! Alle Scheidungsanwälte so: „Ja Johanna, mach das auf jeden Fall!!“.
In echt jetzt: Namen haben Macht. Ich bin ja gerade mit der Vergabe von Wiewortfreundnamen zugange – und bemerke, dass dieser neue Spleen von mir mehr bewirkt, als vormals gedacht. Wie ich jemanden erkläre, sagt viel über denjenigen aus. Und sogar NOCH mehr sagt es wohl über mich selbst aus, wie ich über Andere spreche und wie ich sie bewerte. Nun gut, wir sind hier nicht im Psychoratgeber (es gibt Bücher, in denen man mein Geblubber sicherlich nochmal in normal formuliert und vor allem korrekt nachlesen könnte!), aber ich denke aktuell darüber nach, was ich über Anderen ausspreche. Und auch über mir.
Warum ich drüber nachdenke? Vermutlich zunächst mal, weil ich es kann. Aber auch deshalb, weil mir jüngst mal wieder aufgefallen ist, wie streng wir zuweilen vor allem mit uns selbst sind. Ich könnte sofort fünf Gelegenheiten zitieren, bei denen Menschen in meinem Umfeld sowas gesagt haben wie „Ich hab’s verkackt“, „Ich kann das nicht“, „Ich mach das immer so scheiße“ oder so. Passiert ständig und überall. Mir selbst auch. Weniger oft höre ich in der Welt Sätze wie „Ich kann das gut“, „Ich hab das gut gemacht“ usw. Im Kindergarten trimmen wir die Kinder zwar noch auf diese ganze „Ich kann alles superklasse“-Schiene – bisweilen so lange, bis selbst die Kids glauben, wir Großen hätten irgendwie das Ritalin falsch dosiert – aber in Wirklichkeit glauben wir ja zu wissen, dass das nicht stimmt und dass man diese Eigenlobnummer lieber noch VOR der weiterführenden Schule ablegt. Weil man das ja nicht macht.

Jaja sicher, für Lob muss man auch irgendwie erstmal was können. Ein gelogenes Lob enttarnt man ja irgendwie sofort und das ist dann eigentlich schlimmer und entwürdigender als ein paar aufs Ohr. Ein gutes Lob braucht einen Auftakt, einen Grund. Ich kann nicht meine Freundin für ihre Autofahrkünste preisen, wenn wir beide wissen, dass sie so eine Art entsicherte Waffe ist, sobald der Motor anspringt. Ich kann kein ekliges Essen loben und keine hässliche Frisur. Und ich KANN diesen Blog nicht ernstnehmen, wenn ich jetzt nicht mal langsam die Kurve hier kriege! Gründe müssen also her. Ok, das ist leicht. Bei Anderen zumindest. Wer nicht singen kann, der summt halt, wer nicht Summen kann, der brummt halt und so weiter und spätestens beim Klatschen könnte man dann – wenn es sauber ausgeführt ist – mal eine kleine Belobigung aussprechen. WENN man das möchte. Ich möchte das, weil ich möchte, dass die Welt besser wird. Peng. Eigenlob stinkt ja wiederum bekanntlich. Das tun „Käse-Speckis“ übrigens auch. Lirumlarum, vielleicht kann man sich ja an das stilvolle, hygienisch einwandfreie Eigenlob zumindest langsam heranpirschen, indem man nicht mehr so schlecht von sich selbst spricht. Ich versuche ab sofort, weniger „Ich kann das nicht“, „Ich bin so doof“ usw. über mir selbst auszusprechen. Und ich werde auch versuchen, meine Freunde davon abzuhalten. „Sprich nicht so über meine Freundin!!“ könnte das Echo lauten, wenn ich das nächste mal was von fetten Oberschenkeln oder Versagen im Kinderzirkus hören muss. Nicht falsch verstehen – Fehler darf und sollte man durchaus benennen und zugeben, da bin ich Riesenfan von! Aber ich glaube, dass es gut ist, über sich selbst auch mal zwischendurch was Anderes als „Ich bin da zu blöd für“ auszusprechen.

Los geht die Weltverbesserung: ich finde es wirklich gut von dir, dass du diesen gedanklichen Wirrungen bis hier her folgen konntest – Hut ab! Und noch was: ich käme niemals auf die Idee, dich oder jemanden sonst „Käse-Specki“ zu nennen.
Over & out, Ballersbach!

„Der Virale“ oder „Das 85er Fass“

Ich nenne Chris Lass ab heute nur noch „den Viralen“! Gestern lud er so einen total anrührenden Gospelflashmob ins Netz und der hatte dann nach zwei Stunden irgendwie 30.000 und jetzt irgendwie etwa 6 Milliarden Klicks! Peng! Noch nicht gesehen? Hier gucken und Adventskekse knabbernd heimlich weinen bitte:

Der Virale und ich, wir haben was vor am Wochenende! Die schöne Naemi (rote Jacke) aus dem Film ist auch dabei! Keine Angst – wir springen euch nicht ausm Aldi-Regal entgegen. Aber musikalisch wird´s. Und natürlich wunderschön!!

Aber ich fange mal ganz, ganz vorne an. Vorne im Sinne von 1985…

Kann sein, dass das letzte Fass dieser Art 1985 auf gemacht wurde, als Hella Heizmanns großartige Platte „Und es begab sich…“ rauskam. Ich weiß nicht, ob ihr es wusstet, aber ich würde die Info gern platzieren: auf besagter und betagter – für mich bis heute absolut geliebten Weihnachtsplatte – hat ja mein eigener Vater mitgesungen. Im Bass. Damals gab es in Chören noch Bässe – klingt verrückt, ist aber so! Mit dabei waren ganz Viele, die heute irgendwie echt die Chefs sind – damals aber noch jung und vor allem irre genug waren, sich auf eine „eher groß“ gedachte Plattenproduktion einzulassen…

Auf so ziemlich jeder Feier in meinem Elternhaus sperre ich bis heute andächtig die Ohren auf, wenn im alten Freundeskreis zu vorgerückter Stunde mal wieder die Geschichte erzählt wird, wie die ganz junge Cae Gauntt im Studio darum bat, einen Vorschlag machen zu dürfen und dabei den besten Alt-Vorhalt der christlichen Musikgeschichte platzierte! („…und hell strahlt der Ta-a-ag…“ – ihr wisst Bescheid!) Da glänzen dann die Augen, man hebt still salutierend das Glas und alle haben die Stelle im Ohr und denken andächtig an die Zeit zurück, als im christlichen Musik-Business produktionsmäßig noch echte Fässer aufgemacht wurden, als noch mit Orchestern gearbeitet wurde und Thomas Adam alles getrommelt hat, was bei drei nicht auf dem Baum war. Achja.

DARUM GEHT ES DOCH ÜBERHAUPT GARNICHT!!!!! Was ich sagen wollte war: kann sein, dass das letzte Fass dieser Art 1985 auf gemacht wurde, als Hella Heizmanns großartige Platte „Und es begab sich…“ rauskam. Das letzte derartige Fass – bis heute. Es hat wieder einer ein Weihnachtsfass aufgemacht. Und zwar mit allem UND Orchester!

Ich hatte den Viralen und seine ganzen Boys da oben in ihrem Bremen bisher so als die „jungen Wilden“ der Gospelszene mit Tendenz zur sympathischen Zappeligkeit einsortiert. In meinem Kopf ist viel los, stellenweise auch viel Mist – das wissen wir ja mittlerweile alle. Dann habe ich Chris auf dem diesjährigen Gospelkirchentag durch mehrere, aneinander gereihte Zufälle persönlich kennengelernt, mit ihm musiziert, Bier getrunken und gesprochen und bemerkt… dass ich einfach komplett Recht hatte! Naja, nicht ganz. Zappelig ist er eigentlich nicht wirklich – aber auf der Bühne geht er tatsächlich ab wie Schmidts Katze! Da ist Leben drin, da wird gehüpft und es geht – on und off stage – alles irgendwie ziemlich ab! Was ich gut heiße! Komplett! Leben klappt lebendig einfach am Besten! Jetzt macht Chris – wild und begeistert wie er ist – besagtes Weihnachtsfass auf und ich durfte das Ergebnis schon vorab hören und konnte nicht anders, als mich zu fragen, ob das eines der Alben sein könnte, über die meine Kinder eines Tages Mythen und Legenden in ihre Blogs schreiben und dessen Sound und Eigenheiten sie noch durch den Advent 2046 begleiten werden… Ja, die CD klingt schon anders als das 85er Fass. Und das ist auch gut so! Wäre ja traurig, wenn nicht! Sachen müssen anders werden, sonst ist was faul im SCM Hänssler-Verlag. Chorsounds werden jünger und purer, Beats werden neu erfunden. Aber dass Chris zum Beispiel bei „Angels we have heard on high“ mitten in die musikalische Abgefahrenheit einen Chorsatz einbaut, wie das gute Gemeindekind (aka ICH) ihn sofort auswendig mitzusingen vermag, hält eben noch immer ein Bein auf dem Boden. Nee, vor Beats und Innovativem hat er keine Angst – vor Tradition aber genauso wenig! Vor „Stille Nacht“ nicht – aber eben auch nicht davor, die Streicher bei „God rest ye merry, Gentlemen“ mal so richtig herrlich eskalieren zu lassen.

Ja, „Angstfreies Weihnachtsalbum-Produzieren“ könnte man die Disziplin nennen. So entstehen besondere Platten! Hätte Hansi in den Achtzigern Muffensausen gekriegt, ginge es in Ballersbach im Advent nur halb so laut zur Sache – im Nachhinein weiß man sowas immer… Im Hier und Jetzt weiß ich dafür schon direkt, dass ich von diesem Album gute Laune bekomme! Dass ich sofort und gerne donnernd laut mitsinge, die Nummern kenne (UND mag!!). Ich beginne instinktiv damit, Kerzen rauszusuchen, das Geschenkpapier zu sichten und hochkalorische Gerichte zu kochen. Ich gucke sentimental aus dem Fenster, bin innen wieder acht und freue mich auf Weihnachten! …kann sein, dass für exakt diese Anwendung Weihnachts-CDs aufgenommen werden.

Man kann sich, wenn man das möchte, die Frage stellen (weil man sich ja insgesamt sowieso fragen darf, was man will und so oft man das will!!), ob wir wirklich noch einen Beitrag zum Weihnachts-Business brauchen. Ich bin gerne und immer wieder dazu bereit, diese Frage mit einem herzlichen „Auf jeden Fall!!!“ zu beantworten! JA, wir müssen Weihnachten immer und immer wieder in neue Chorsounds und Beats übersetzen! NEIN, wir müssen keine Angst davor haben, dabei zu laut, zu leise, zu cool, zu kitschig, zu wild, zu clean, zu 1985 oder zu jesusmäßig rüber zu kommen! Der Geist weht, wo er will und wo er weht, ist Freiheit – da dürfen wir insgesamt ganz, ganz frei aufspielen und müssen noch nicht mal Angst davor haben, aus Versehen Spaß zu haben. Und JA, wir dürfen – wir sollten! – die 85er Fässer wieder neu aufmachen! Und NEIN, wir können nicht oft genug wiederholen, dass Weihnachten FÜR UNS ist!

Für MICH nun wieder ist es eine sehr schöne Perspektive, gemeinsam mit der Schönen und dem Viralen am nächsten Wochenende mal so richtig alles rauszumusizieren! Omis zum Weinen bringen und vor den Klickzahlen hyperventilieren ist ja nicht das Einzige, was mein norddeutscher Freund gut kann! Am Klavier ist er nämlich tatsächlich ne echte Bank und ich brenne SEHR darauf, mit seiner Begleitung „Amazing Grace“ zu singen! Wer will, kommt zu nem Konzert. Und wer will, macht dieses Weihnachten zu dem Fest, das ihm persönlich, seiner Seele und seinen Ohren dient. Dafür hat der Gott das nämlich erfunden. Ich selbst versuche das auch, ich fange an! Ich habe entschieden, wieder mehr und lauter zu singen. Es entspricht mir schon immer noch, gemeinsam mit Anderen die Stimme von der Leine zu lassen, zu interagieren und Töne zu machen. Das merke ich zunehmend. Das und auch, dass es durchaus feiernswerte Angelegenheiten im allseits beliebten Kirchenjahr gibt! Ich versuche in diesem Jahr, Weihnachten härtestmöglich zu feiern – dieses Album, die Schöne und der Virale kommen mir demnach höchst gelegen!

Hier könnt ihr schonmal hören und üben und auch ein bisschen heimlich weinen – wir machen das dann live nochmal zusammen:

https://www.scm-shop.de/christmas-gospel.html

Live dann:

10.12.2016, 19.30 Uhr, Luthergemeinde Griesheim (das bei Darmstadt)

11.12.2016, 17.00 Uhr, Stift Quernheim Kirchlengern

Danach wieder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und Ben&Jerrys bis Heiligabend. Weil das ja klar ist.

Auf dass meine Töchter eines Tages erzählen werden, wie ihre Mutter dem Lass in der Live-Anwendung 2016 den jungen und puren Chorsound zunichte machte, kchch…

Mein Ausflug in Ildikós Welt

„Na, Alte?! Du hast heute auch noch kein Utensilo genäht, hä?“ möchte ich mir selbst kritisch aber liebevoll fragend zurufen, wie ich mir so im alltäglichen Schuhanzieh-Jacken-Prä-Kindergartenmodus mal kurz selbst über den Weg laufe. Ich habe lange gezögert, ob ich mal einen Blog über Mutter-Zeug schreiben sollte. Fühlt sich erstmal ziemlich Ildikó von Kürthy-esk an. Eigentlich beinhaltet mein ideales Selbstbild, dass man das alles erstens auf einer Arschbacke macht und zweitens nicht darüber spricht. Keine Ahnung, wie so ein Stuß in mein ideales Selbstbild hineinmäandern konnte. Ist ja auch wurscht, ich hab’s ja noch rechtzeitig gemerkt.

Also: hast du eine Mutter hast du immer Butter – BIST du eine Mutter, hast du in der Regel zumindest einen Knall. Und ich kann’s beweisen. Ich lasse dabei diese hormonbedingten Automatismen aus, die einen anfänglich wundern (die Herren der Schöpfung auch gern mal schocken). Das kann Ildikó klasse erklären, glaub ich. Ich gucke aber für heute mal bei der idealen Selbstwahrnehmung – mir schwant nämlich, dass da nicht nur ein bisschen was im Argen liegt. Hier und da. Bei mir zB.

Also mal ganz hemmungslos von der Leber, frisch von der Profilneurose kommend, liefe das optimalerweise so bei Muttern:

– Mutter ist entspannt. Niemals schrill oder hysterisch. Sie sitzt HÖCHSTENS mal besorgt am Küchentisch (Lönneberga-Style) und flüstert im Mezzosopran „Was soll ich nur mit meinem Kurtjamin machen?“ weil der irgendwie ständig heimlich HubbaBubba kaut oder so. Aber schrill ist nicht! Hysterisch auch nicht! Und Alkohol wäre gefuddelt, das muss also als Hilfsmittel ausfallen.

– Mutter ist vernetzt. Geburtsvor-, -zwischen- und -nachbereitung, Krabbelbums, Spieldings, man kennt das ja. Was die Kinder machen, ist latte – solange der Macchiato fließt, ist alles im Fluss. Mütter mögen sich automatisch und grundsätzlich gegenseitig. Und wenn sie es doch nicht tun, tun sie eben einfach so. Und das macht ihnen dann Spaß und man hat sowohl was zu erzählen, als auch bestenfalls leicht Einen sitzen, wenn Papa nach Hause kommt. 

– Mutter kann alles und zwar gut. Arbeiten und gleichzeitig Kinder großZIEHEN. Nein, in anständigen Haushalten werden Kinder nicht einfach von alleine groß. Die werden groß GEZOGEN! Das geht so: man steht nach der Vormittagsschicht Punkt halb eins in so ner ganz lässigen Boyfriend-Jeans barfuß und mit High Knot Bun (man liest nachts heimlich die Vogue um zu wissen, was das ist!) am Herd und rührt in der Soja-Schlotze („Was SOLL nur aus meiner Jette werden – sie isst mir ja NUR noch Gesundes, hihi?!“ / Lönneberga-Style!). Dann kommen die Kinder (gesund – Regelschule – alles selbst gezogen, türlich!) und erzählen voll gerne und freiwillig ihr erfolgreiches, ganzes Leben und wenn das so läuft, darf man nachher im Macchiato-Treff erzählen, dass man die Kinder mal wieder hart großgezogen hat. (Dass nach der Vormittagsschicht und der Großzieh-Schicht übrigens dann noch die Stelle kommt, an der man allabendlich und gerne in Strapsen Steaks brät, wenn der Mann nach Hause kommt, erkläre ich bald im Ehe-Blog. Auf den ich aktuell noch hinreife…)

– Mutter weiß, was Masse ist. Aber ja doch. 

Ok, es war ja von Vornherein klar, dass alles Bullshit sein würde. Läuft alles in echt anders, da müssen wir uns ja nun auch langsam nichts mehr vor machen, da dürfen wir ja schon auch in die Ehrlichkeit kommen. Ildikó sei Dank.
Aber bei aller Offenheit (Ja, irgendwer MUSS es doch sein, der bei Ernstings die Eisköniginnen-Shirts kauft! Und die Teddybärenwurst aus Fett und Glutamat frisst sich nun ma nicht selber auf! Ich trage an allem eine Mitschuld und bin mutig oder müde genug, zu bekennen!) – mal angenommen also, wir wären unperfekt und im Stande, es zuzugeben: die Frage die sich mir stellt ist, ob wir uns selbst leiden können. 

Ich glaube, was alle Mütter der Welt gemeinsam haben, ist das schlechte Gewissen. Zu kurz gestillt, zu viel gearbeitet, zu wenig auf sich selbst geachtet – irgendwo verkacken wir es schon. Zumindest, wenn wir selbst unsere Richterinnen sind. Ich glaube, was alle Kinder der Welt gemeinsam haben, ist die Liebe zu ihrer Mutter. Zumindest, so lange sie noch die unfair produzierten Eisköniginnen-Shirts von Ernstings tragen. Schade, wenn ich mich selbst mal wieder zu fertig gemacht habe, um diese Liebe annehmen, um sie aushalten zu können. Schwer genug, meine Feindin zu lieben – dreifach schwer, wenn ich sie mir selbst bin.

Aber wie schön, wenn ich Verständnis in anderer Mütter Augen sehe, wenn mir beim „Ich wollt, ich wär‘ ne MILF“-Make-up-Einkauf bei DM am Schaukelpferd mal wieder der Ton verrutscht. Und wie schön, wenn ich Verständnis für mein Versagen empfange und es selbst weitergeben kann. Und wie schön, dass Kinder TROTZ unseres Ziehens und Krampfens und dummen Gelabers groß werden und Bands gründen, Freundschaften schließen, zu Parties eingeladen werden und irgendwie ihr Ding machen.

Meine Mutter hat mal zu mir gesagt: „Wichtig ist, dass die Kinder ihren Eltern eines Tages vergeben.“ Ich gehe mit und erhöhe um „…die Eltern sich selbst auch.“

Soweit mein Ausflug in Ildikós Welt. Sandmann ist durch, also Maul jetzt.

Papa Francesco und die vierte Staffel

Buongiorno everybody! Man wollte mir das alles im Vorfeld als Italien verkaufen mit diesem Südtirol. Stimmte so halb. Ich fand es irgendwie in Summe mehr Tirol im Sinne von Anton als Italien im Sinne von handgemachte Lederschuhe. 
Nun gut, die Menschen sind überall auf Erden mitunter nett und ich habe es bislang noch in so ziemlich jeder Speisekarte geschafft, was Leckeres zum Essen zu finden. …wobei es schon paradox sein kann, bei 40 Grad Außentemperatur ebenfalls 40 Grad warme, süße Mehlspeisen zu mampfen. „Mampfen“ ist btw das einzige Tu-Wort, dass dieses Gesamtempfinden adäquat beschreibt.

Ich habe mir als Souvenir jedenfalls im Supermarkt so ne weiße Friedhofskerze im Plastikbecher gekauft, auf der der leibhaftige Papst als Paninistickergroßer Aufkleber draufgeklebt ist. Die wird jetzt immer angezündet, wenn Papa Francesco mal wieder irgendwas gut gemacht hat. Heute zB.

Was ich eigentlich sagen, bzw wozu ich einladen wollte, spielt in einem komplett anderen Setting. Ich war ja Anfang des Jahres im Norden bei Jens Böttcher und habe dort in arktischer Arscheskälte tolle Abenteuer erlebt. Und mich dabei filmen lassen. Von tollen Typen wie zB Boris Mahlau, der als Kind im allerersten Tatort mitgespielt hat! Wenn DAS nicht cool ist, weiß ich es auch nicht!

Wenn es euch also mal irgendwie zu heiß (kleiner Witz!), zu kalt oder einfach zu blöd werden sollte in diesen Tagen, seid dabei: Abfahrend vom Herborner (Haupt-)Bahnhof (gut zu erkennen, wie ich finde!) könnt ihr mich im Zug nach Hamburg begleiten, wo ich etwas außerhalb in einem verwunschenen, süßen Hotel den unfassbaren Jens Böttcher zum ersten Mal persönlich traf. Randnotiz: als ich lesend in der Hotellobby saß und ein nicht allzu großes, schwarzes Mäntelchen an mir vorbei wehte, das sein eigenes Kamerateam verloren hatte, musste ich laut „ACHDUSCHEISSE! DICHGIBTSJAWIRKLICH!“ schreien. Das Kamerateam fand sich wieder ein, ich lernte Karsten, Henry und Boris UND Boris‘ St.Pauli-Pullover kennen (beide kurz aber eindrucksvoll bei den Gesangsaufnahmen hinter meinem eigenen Kopf zu bestaunen). Lirumlarum, wir waren gerade erst ins Schwätzen geraten, da hieß es auch schon wieder, dass die Sendung im Kasten wäre und ohne viel Gedäh gingen wir zum musikalischen Teil über. Per Email verabredet waren eine leise, ruhige Version unseres Wunschtitels und zwar in der Jonny Cash-Tonart weil ich schätzte, dass die für Jens passen könnte. Na gut, man verabredet das Eine und dann kommt der Rock’n’Roll und alles wird so, wie es in der Wirklichkeit dann wird. Nachdem wir kurz den Text geklärt hatten (…the lamb is the light, obwohl the lamp das woooohl auch könnte), ging es los. Übrigens: der Grund, warum wir uns so verliebt in die Augen starren beim Singen ist dementsprechend der, dass wir das alles einfach noch nie gemacht hatten und kommunizieren mussten, damit das alles nicht im Chaos endet.

So, genug getratscht – ich freue mich von ganzem Herzen, in dieser Sendung mit meinem kleinen Sterbebuch zu Gast gewesen zu sein!!! Ihr dürft euch schonmal freuen: in der vierten Staffel (die ich quasi eröffnen darf!) werden noch ein paar ziemliche Granaten zu sehen sein. Konstantin Wecker zB. Wenn das keine coole Tiefsehtauchen-Season wird, weiß ich es also auch nicht…
Viel Spaß beim Gucken, ihr Lieben! 
Ich zünd jetzt die Papa Francesco-Lampe an!

Hier geht’s zur Sendung

Kontextuell hier, kontextuell da, kontextuell in Amerika

„Löw macht bis zur WM 2018 in Russland weiter“ schreibt die Tagesschau. Was er denn in Russland genau macht, fragte ich mich die ersten 30 Sekunden. Dann ging’s wieder. Ist aber auch echt krass, wie mich offenbar immer alle verarschen wollen! Kann auch sein, dass ich dünnhäutig werde. Zwecks Urlaubsreifetechnisch aufdeutschgesagt.
Dass man jawohl selbst nicht so schlimm sein kann, weil Oktopusse sich ja nun immerhin selbst aufessen wenn sie Stress haben, heißt doch dieser eine Internetwitzespruch. Mag stimmen – so weit bin ich tatsächlich noch nicht. Aber im Fingernagelkauen macht mir aktuell tatsächlich auch kein Oktopuss was vor! Der hat ja noch nicht mal Fingernägel! Dieser PENNER!!

Und auch so dieses alles, was man dann irgendwann nicht mehr wie gewohnt auf die Kette kriegt. Emailpostfach – oha. Von den PN’s mal ganz zu schweigen. Ich tue Buße und bitte auf diesem Weg um Entschuldigung für jede Nicht- oder Spät-Reaktion. Ich weiß, dass das assi ist. Geht aber nicht besser gerade. „Wobei assi ja jetzt erstmal wertfrei ist.“ ARGH! Ich komme nicht mehr aus dem Vernunft-Slang heraus! Hm. Vielleicht wäre DAS ja ein Weg: ich könnte doch versuchen, mich mal zur Abwechslung SELBST zu spiegeln und mir bewertungsfrei zu begegnen und einfach ne gute Zeit mit mir zu haben. Geh fort! Ich lass es ja schon! Wäre für meinen ebenso urlaubsreifen Mann sicher auch nicht leicht, seine Alte bei dem Versuch, sich selbst zu verhauen, auf dem Sofa vorfinden zu müssen.

Also gut, lass mal Halbjahresfazit machen! Das bietet sich doch jetzt an! Was war los im ersten Halbjahr und wie ging es mir damit und wie lange hat’s gedauert, bis ich wieder nüchtern war?
Ich hab zu viel gemacht. Das kann ich schonmal recht zügig sagen. So müde wie ich es jetzt bin, muss man eigentlich nicht sein in meiner Situation und meinem Alter. SO nötig sollte man einen Urlaub nicht haben, würde ich sagen. Fazit fürs zweite Halbjahr? Weniger. Also weniger machen.
Haha, eigentlich weiß ich jetzt schon, wie es wieder endet hier („Die 35-jährige, die sich beim Schreiben ihres eigenen Blogs zu Tode langweilte und einschlief“). Am Schluss lande ich aller Voraussicht nach etwa bei: „…blabla, lass weniger arbeiten und mehr mit Freunden rumhängen und lieben und alles weil der Tod kommt ja eh und dann liegt man kurz vorher und denkt so „Eeeeyyy, ich hab zu viel gearbeitet!“.“ Und selbst wenn man – wie ich jetzt – so krass gut reflektiert ist, dass man diese Erkenntnis nicht erst auf dem Sterbebett, sondern aufm Sofa beim Halbjahresfazit parallel zum RTL2 Trödeltrupp erringen konnte NÜTZT ES DOCH ALLES NICHTS!! Wir machen es doch eh! Weiter arbeiten! Mehr Gas geben! Komm, noch bisschen! „Die Welt braucht dich!“ – „Du hast was zu sagen!“ – das stimmt zwar alles und KLAR sind wir alle immens wichtig und so. Aber selbst dann, wenn solcherlei Thesen in der schon fast ausgenüchterten Sanftheit einer sanften Margot Käßmann ausgesprochen werden, sind sie doch auch wieder ein relativ sicheres Ticket in den Burrrrrn(Motherf*cker, Burn)out. SO!

Ich bin jetzt mal krass (aber noch nicht krass genug, es ohne Vorwarnung für die Anderen sein zu können – kommt noch!): WENN es so wäre, dass die Welt mich wirklich so richtig dringend bräuchte, wäre die Welt eine ziemlich arme Erfindung. Erstens richtet unsere menschliche Artgenossenschaft in Summe mehr Fluch als Segen an, zweitens traue ich keiner Unternehmung, die ohne mich nicht im Stande ist, zurechtzukommen. Klingt wild, IST aber so. Ich höre es schon Murren, alles gut – ich bin ja noch nicht fertig. It ain’t over, ‚til the fat Lady sings. Es mag wohl so sein, dass wir Menschen – jeder Einzelne – auch für was gut sind. Wir können trösten, manchmal heilen, verschönern, lieben und viele, viele gute Dinge! Das geht aber tatsächlich nur, wenn wir selbst entsprechend gefüllt sind. Was drin ist, kommt raus. Das ist biblisch und gilt verrückterweise trotzdem auch für zB Zahnpastatuben.

Um bei dem Tubenbild zu bleiben: Draufdrücken wäre sowas wie „Bring dich ein! Die Welt braucht dich!“ – KANN man machen, MUSS man aber vorher kurz prüfen, wie ich finde. Wo nämlich Stress drin ist, kommt auch Stress raus. Und wo nix mehr drin ist, werden die Symptome wiederum GANZ originell. Wobei originell ja erstmal wertfrei ist. Aber klar: wo Gutes, Kreatives und Schönes drin ist, oder gute Musik oder heilsame Worte, kommen wiederum herrliche Dinge zum Vorschein.

Ich schlage als Unwort des ersten Halbjahres 2016 ja übrigens „kontextuell“ vor. Kontextuell hier, kontextuell da, kontextuell in Amerika. Sachverhalte NICHT kontextuell zu betrachten, ist ja mittlerweile das neue DenKinderwagenschiebendZigarettenRauchen geworden. Ach, da fällt mir doch noch ein famoser Vorsatz für das zweite Halbjahr ein: ich werde in jeden Satz MINDESTENS einmal das Wort kontextuell einarbeiten! Hihi, das wird gut!

Euch allen Glückwunsch zum Halbjahr! Viel Spaß beim vor und zurück Gucken! Und um zur Feier des Halbjahres einmal mehr dem drohenden internationalen Bekenntnisnotstand und der gähnenden Leere des Internets entgegen zu treten, haue ich mal einen raus: ich glaube daran, dass Dinge gut laufen können. Und aufbauend auf diesem Glaubenssatz bin ich mir relativ sicher, dass die Geschäfte hier zu Erden auch dann weiterlaufen können, wenn ich mich mal ein paar Wochen lang rausnehme. Ging ja zB auch ganz gut, als neulich ganz ohne mich der Mariannengraben gebastelt geworden gewesen war. Ich bin da optimistisch. Kontextuell gesehen. Dem Jogi ne gute Zeit in Russland, den Oktopussis guten Hunger auf sich selbst und uns allen ein gutes LockerdurchdieHoseAtmen!

Over & out,

Ballersbach